Volontariat in Graneros: unsere Freundin Christel bei den GranerosKids

 

 

Mitte März ist Christel aufgebrochen, um für 3 Monate in unserem Straßenkinderprojekt in Graneros mitzuarbeiten. Nach einem begeisterten Empfang schildert sie hier in loser Folge ihre Eindrücke.

 

DIE ABSCHIEDSWOCHE

 

Meine letzte Woche bei den Kids steht ganz im Zeichen des bevorstehenden Abschieds. Wie gewohnt haben wir viel Spaß miteinander, aber bei mir mischt sich schon jetzt Wehmut unter die Aktivitäten.

Am Mittwoch darf ich erst spät ins Centro kommen. Die Kinder...

...wollen etwas für meinen Abschied vorbereiten. Diese Tatsache macht ihnen wohl richtig bewusst, dass sich unsere gemeinsame Zeit dem Ende zuneigt, denn als ich schließlich kommen darf, kommt mir ein ganzer Pulk von Kindern mit ausgestreckten Armen entgegen und umklammert mich mit den Worten, dass ich doch bitte nicht gehen soll. Das wird wohl am nächsten Tag, meinem letzten mit den Kids, sehr hart werden....

Vorerst gibt es aber nochmal eine große Lieferung an Sachspenden, insbesondere Winterkleidung und Decken, von einer benachbarten Schule. Das wird den Kindern sehr durch den kalten Winter helfen. Alejandra ist gestern immer noch mit nackten Beinen und kurzem Schulrock durch die Gegend gelaufen. Die Beine waren ganz rot und blau vor Kälte. Für sie werden sofort warme Strumpfhosen aus der Kleidersammlung gefischt.

Aber auch alle anderen erhalten, was immer sie gebrauchen können. Stolz präsentieren sie ihre neuen Besitztümer. Am Abend findet die erste Abschiedsfeier mit den tías statt. Die Kolleginnen mit ihrer herzlichen Art sind mir sehr ans Herz gewachsen. Wir verbringen einen schönen Abend miteinander und lassen gemeinsam die letzten drei Monate Revue passieren. Wir haben uns gegenseitig schätzen gelernt und prima zusammengearbeitet. Es ist schon eine tolle Truppe, die die Kinder betreut.

Und dann ist er da, der Abschiedstag. Ich habe die Kids zu einem Abschiedsessen eingeladen. Bárbara hat außerdem eine PowerPoint Präsentation über Deutschland vorbereitet. So darf ich die Kids an meinem letzten Tag noch mit Dirndl, Lederhosen, Schloss Neuschwanstein, der Berliner Mauer, der ehemaligen Teilung Deutschlands und dem rheinischen Karneval vertraut machen. Insbesondere die Teilung Deutschlands in Ost und West beschäftigt die Kinder. Eine so lange Mauer? Warum? Vielleicht sollte Herr Trump hier mal vorbeikommen und sich solchen Fragen stellen...

Und dann wird es wie erwartet sehr emotional: die Kinder singen mir ein Abschiedslied, überreichen mir alle ein selbstgebasteltes Abschiedsgeschenk. So viele Liebesbekundungen werde ich wohl den Rest meines Lebens nicht mehr zu hören oder lesen bekommen. Wie schön, dass die Kinder keine Scheu haben auszudrücken, was sie fühlen. Bárbara hat außerdem eine Diashow mit Bildern der vergangenen drei Monate vorbereitet. Wie liebevoll das alles zusammengetragen wurde. Tief bewegt drücke ich noch einmal alle Kinder und tías. Eines ist sicher: ich werde wiederkommen!

Der Abschied von Bárbara und ihren Eltern ist nicht weniger emotional. In Bárbara habe ich eine neue Freundin gefunden, und durch sie eine wunderbare Gastfamilie. Wir werden in engem Kontakt bleiben und uns irgendwann wiedersehen. Welch wunderbare Menschen habe ich in Chile kennengelernt! Der ganze Aufenthalt war für mich durch und durch eine Bereicherung. Keinen Tag, keine Erfahrung möchte ich missen.

Wieder zurück in Deutschland

Dank der Möglichkeiten des WhatsApp Videoanrufs habe ich bereits mehrfach mit den Kindern telefonieren und sie sehen können. Nicht dass man sich hätte austauschen können; dafür war das Hallo viel zu groß, jedes Kind wollte sich ins Bild drängeln und mir zuwinken oder ein Küsschen geben. Aber egal: trotz der Entfernung haben wir eine Möglichkeit gefunden, in Kontakt zu bleiben. Und für mich heißt es jetzt zu schauen, was ich von Deutschland aus für die Kids tun kann.

Der Kölner Alpenverein gibt uns zum Beispiel die Möglichkeit, Graneroskids an seinem „Alpintag“ am 6. Oktober vorzustellen. Wieder eine Möglichkeit, auf die Kinder aufmerksam zu machen und evtl. weitere Spenden zu generieren.

So werden die Kids aus Graneros jetzt ein fester Bestandteil meines Lebens werden...

 

DIE ELFTE WOCHE

Mittlerweile ist es richtig kalt geworden. Tagsüber scheint immer noch die Sonne und es ist angenehm, aber nachts geht es an die Null Grad Grenze und die Kälte hält bis gegen Mittag an.

Die Häuser sind alle nicht isoliert und entsprechend ausgekühlt. Ich friere im Haus ständig...

...und laufe nur noch dick eingepackt herum. Keines der Häuser verfügt über eine Zentralheizung. Alle halten sich mit Winterjacken und -Mänteln in ihren eigenen vier Wänden auf, denn Wärme kostet Geld, und Geld ist in den meisten Familien nicht verfügbar.

Bárbara zündet in ihrem Haus erstmalig den Kamin an. Das macht mich Frierhippe überglücklich! Aber ich schäme mich auch etwas über mein Wohlstandsverhalten. Wie verweichlicht man doch ist! Die meisten Kinder müssen die nächsten drei Monate mit der Kälte zu Hause klar kommen. Ich kann mir nun ansatzweise vorstellen wie es zurzeit bei der Familie ist, die in dem Haus mit den Fenstern ohne Scheiben lebt. Wie man die Kälte dauerhaft aushalten kann, bleibt mir jedoch ein Rätsel.

Auch die Schulen sind nicht beheizt. Daher schwänzt so manches Kind die Schule, wenn es extrem ungemütlich wird. Im Centro ziehen die Kinder ihre Wintermäntel an den besonders kalten Tagen ebenfalls nicht mehr aus. Ein mit Kerosin betriebener Ofen bereitet ein wenig Wärme. Jetzt beginnt auch die Zeit, wo sich die Kinder zu Hause nicht mehr regelmäßig waschen. Nach dem Motto: es sind schon viele erfroren, aber noch keiner aufgrund von Körpergeruch gestorben, bleibt die Körperhygiene bei den Kindern einfach auf der Strecke. Wer will es ihnen verdenken...

Die Kinder proben in dieser Woche die Aufführung ihrer in der letzten Woche selbst erfundenen Geschichten und nutzen hierfür das Puppentheater. Was am Anfang noch recht holprig über die Bühne geht, kann am Freitag flüssig vorgetragen und gespielt werden.

Zuschauer sind nochmal Vertreter der NGO, die mit 18 Leuten angereist sind, um das Kinderprojekt kennenzulernen und -wie versprochen - Unmengen von Lebensmitteln, Kinderbekleidung, Lernmaterialien und einige Hocker mitzubringen. Highlight ist ein Kamishibai aus Holz, welches einer der Besucher selbst gezimmert hat und das nun das Kamishibai aus Pappe ersetzen kann. Auch das Theaterstück, welches die Kinder in einer der vergangenen Wochen einstudiert hatten, wird nochmal aufgeführt und erhält großen Applaus.

Die Zeit mit den Gästen vergeht wie im Flug. Es werden Gruppenspiele veranstaltet, die den Kindern viel Spaß bereiten. Es tut ihnen sicherlich gut, auch mal Impulse von anderen Menschen zu bekommen. Eine andere Besonderheit in dieser Woche liefert tía Vilma mit der Präsentation der bekanntesten Meeresbewohner Chiles. Die Anschauungsbeispiele stammen aus einem Fischladen und wurden von einer befreundeten Erzieherin bereitgestellt, die sie in ihrer eigenen Gruppe verwendet hat. Die Tiere werden von den Kindern zum Teil sehr kritisch beäugt. Besonders der Oktopus ist ihnen suspekt. Als sich ein Junge traut, ihn in die Hand zu nehmen, nutzt er die Chance und hält das tote Tier einer Gruppe von Mädchen unter die Nase, die natürlich laut schreiend weglaufen.

So neigt sich meine vorletzte Woche in Graneros dem Ende zu.

 

 

 

DIE ZEHNTE WOCHE

Diese Woche war es relativ entspannt. Montag war ein nationaler Feiertag, es wurde der Seeschlacht von Iquique gedacht, die Arturo Prat anführte.

Die Schlacht war schnell vorüber und verloren, Prat ließ dabei sein Leben, was jedoch seinem Heldenstatus keinen Abbruch getan hat.

Um den Kindern die Hintergründe des Feiertags zu erklären, hat sich Bárbara etwas Besonderes ausgedacht. Aus Latten, Pappkarton und einem Stück Stoff wird schnell ein Puppentheater gebastelt. Und dann lässt sie eine Handpuppe alles über die Schlacht erläutern, dabei halten die tías, die ebenfalls hinter das Puppentheater gekrabbelt sind, passend zum Text Bilder von Personen und Schiffen hoch. Ein lustiges Spektakel, das die Kinder lautstark kommentieren.

Das Puppentheater wird noch weitere Verwendung finden. In dieser Woche wird eine Projektarbeit durchgeführt. Die Kinder schließen sich in Gruppen zusammen, erfinden eine Geschichte, die sie dann mit Hilfe der tías grafisch umsetzen. Die Personen, Tiere und die Umgebung der Erzählung werden anschließend ausgeschnitten, mit Holzstäbchen versehen und schon können die Kinder damit ihre Geschichte in der nächsten Woche im Puppentheater darstellen. Dieses Projekt nimmt viel Zeit in Anspruch. Die Kinder sollen Ausdauer lernen, Identifikation mit ihrer Arbeit und das Präsentieren von Resultaten. Und schließlich soll die Vorbereitung Spaß machen. Die meisten sind ganz konzentriert bei der Sache und viele sehr kreativ in ihren Ideen.

Am „Backtag“ werden dieses Mal Cocadas hergestellt. Sie bestehen aus Keksen und „Manjar“, so ähnlich wie Dulce de Leche. Ist das ein Gematsche... aber lecker - trotz des Wissens um die zahlreichen abgeleckten Hände, die die Masse durchmengt und zu Kugeln geformt haben.

Und am Freitag ist ein Ausflug nach Rancagua angesagt. Im Vorfeld wird ein Spezialpreis mit dem öffentlichen Nahverkehr ausgehandelt. Die Eltern der Kinder müssen für die Busfahrt aufkommen. Für alle Kinder, deren Eltern nicht in der Lage sind, die 50 Cent für Hin-und Rückfahrt zu zahlen, springen die tías ein. Kein Kind soll zu Hause bleiben müssen, nur weil das Geld für die Busfahrt fehlt.

In Rancagua angekommen schauen wir uns ein Museum an. Eine Führerin erläutert kindgerecht die Ausstellungsstücke. Immer wieder ermahnt sie nichts anzufassen, aber das scheint für die Kinder unmöglich zu sein. So bleibt uns denn ein Stockwerk wegen schlechten Benehmens verschlossen. Wir gehen spazieren, besichtigen eine Kirche - und irgendein Kind ist immer weg. Flöhe hüten ist einfacher! Größte Attraktion ist jedoch, das Einkaufszentrum zu besuchen. Mich wundert, warum dies für die Kinder attraktiv sein soll, wo sie doch kein Geld zum Ausgeben haben. Aber es reicht ihnen schon, die Rolltreppen rauf- und runterzufahren und bei den Spielautomaten zuzuschauen, sich auf Spiel-Motorräder oder in Spielautos zu setzen. Nach einem Imbiss frisch gestärkt treten wir die Heimfahrt an.

 

 

 

DIE NEUNTE WOCHE

War das eine emotionsgeladene Woche, sowohl im Positiven wie auch im Negativen.

Ich hatte Geburtstag und die Kinder haben mir einen wunderbaren Tag beschert. Ich musste etwas später als sonst üblich ins Centro kommen. Einige Kinder kamen mir schon entgegengelaufen...

Eines der Kinder wünschte mir alles Gute zum Geburtstag, wurde dafür aber schwer gerügt von den anderen, die den Anschein eines ganz normalen Tages aufrechterhalten wollten, so lange ich die Türschwelle noch nicht überschritten hatte. Dann musste ich beim Eintreten die Augen schließen und fand mich vor einem geschmückten Raum mit Kaffeetafel wieder. Nach einem chilenischen „Happy Birthday“ haben einige Kinder in der Runde gesagt, warum sie froh sind, dass ich da bin. War das rührend. Selbst der kleine Simón wollte einen Kommentar hierzu abgeben, aber dann verließ ihn doch der Mut, vor allen anderen zu sprechen und hat es mir lieber ins Ohr geflüstert.

Nach dem Kaffee gab es ein Ständchen. Das war sehr bewegend, weil der Text auf mich angepasst worden war. Anschließend haben mir alle Kinder ein Bild von sich und eine gebastelte Blume überreicht. Was für ein Blumenmeer! Zum Abschluss wurde noch ein Theaterstück aufgeführt. Bárbara hat sich soviel Mühe gemacht beim Einstudieren mit den Kindern. Toll! Und das alles unter dem Deckmantel von Muttertag, sobald ich in der Nähe war... Zwischendrin gab es seitens der Kinder tausende von Umarmungen, Küsschen, kleinen Briefchen mit liebevollen Botschaften, alles begleitet von einer unglaublichen Herzlichkeit und offen gezeigter Zuneigung. Was für ein schöner Geburtstag! Ich bekomme hier tausendfach zurück, was ich den Kindern versuche zu geben.

Ein weiteres Highlight dieser Woche ist der Besuch eines ranghohen Vertreters des Lebensmittelkonzerns Agrosuper gemeinsam mit dem Senator, der uns bereis vor einiger Zeit besucht hat. Im Nachgang hat er Agrosuper kontaktiert und um Unterstützung des Centros gebeten. Wir erhalten die Zusage einer regelmäßigen Unterstützung. Ob dauerhaft oder für begrenzte Zeit und in welchem Umfang wird nicht gesagt, aber der Vertreter von Agrosuper ist erklärtermaßen überzeugt, dass es sich lohnt, die Kinder zu unterstützen. Wie wunderbar! Die Kinder sind begeistert. Der Senator hat darüber hinaus Lernmaterial mitgebracht. Auch diese sind sehr willkommen.

Aber die Woche hat auch extreme Schattenseiten. Bárbara und ich haben drei Familien besucht. Alle drei wohnen unter katastrophalen Umständen. In allen drei Fällen sind die Häuser - ich sollte eher sagen: Verschläge - undicht. Überall kann es hineinregnen, Fenster gibt es entweder nicht, oder es fehlen die Scheiben, und die Kinder können nachts nicht schlafen, weil die Kälte ungehindert ins Haus zieht. Und mittlerweile ist es nachts empfindlich kalt, ca. 6 Grad Celsius. Da die Decken nicht ausreichend wärmen, decken sich die Familien mit ihrer gesamten Kleidung zu. Eine Möglichkeit, diese zu verstauen, haben sie in der Regel sowieso nicht. Regelrechte Kleiderberge befinden sich auf den Betten. Sie sind weit entfernt davon sauber zu sein. Überhaupt liegt überall etwas herum. Ordnung ist ein völliges Fremdwort. Entsprechend machen alle drei Unterkünfte einen provisorischen und ungepflegten Eindruck. Am Samstag hat tía Vilma das Fenster ohne Scheibe mit einer Kunststoffplatte und einem Tacker verschlossen.

Am heftigsten ist für mich der Besuch im Zuhause von Maria Isabel. Sie hat das Down-Syndrom, ist nach außen hin erwachsen, aber de facto ist sie auf dem Entwicklungsstand eines kleinen Kindes. Auch sie kommt regelmäßig ins Centro, um Beschäftigung zu finden. Sie lebt gemeinsam mit ihrem schon recht alten Vater, die Mutter ist vor Jahren verstorben und ihre Geschwister kümmern sich nicht um sie. Wir schauen uns die fürchterlich dreckigen Zimmer an. Maria Isabel putzt diese zwar, übt diese Tätigkeit aber aus, ohne das Resultat zu prüfen. Ihre Behinderung setzt ihr Grenzen. Die Laken ihres Betts sehen aus, als würden sie nie gewechselt, was wohl auch der Fall ist.

Wir erfahren bei diesem Besuch auch, dass Maria Isabel keine Socken und keine Unterwäsche besitzt. Sie kann keine regulären Größen tragen, weil sie extrem kräftig gebaut ist, aber es kümmert sich niemand in ihrer Familie darum, ihr Unterwäsche in Spezialgrössen zu kaufen. Maria Isabel mit ihrem sonnigen Gemüt und stetem, zahnlosen Lachen beklagt sich nicht, aber wenn sie ihre Periode hat stört es sie, dass die Binde immer verrutscht. Mal wieder stehe ich solchen Zuständen fassungslos gegenüber. Wie kann man so leben? Mir fehlt es an Vorstellungskraft. Wir werden Wäsche und Bettlaken organisieren oder kaufen, aber das Grundproblem bleibt. Wie kann es sein, dass sich niemand von der Familie kümmert? Warum gibt es keine Einrichtungen, die Maria Isabel aufnehmen und betreuen? Die Besuche bei den Familien beschäftigen mich sehr und ich fühle mich ohnmächtig solchen Gegebenheiten gegenüber. Das geht schon an die Grenze des für mich Erträglichen. Und es kommen Zweifel auf, was ich hier vor Ort überhaupt ausrichten kann.

 

DIE ACHTE WOCHE

Meine 8. Woche bei den Kids in Graneros ist durch 3 besondere Ereignisse geprägt.

Am Montag erfahren wir, dass ein Mädchen, welches lange Zeit ins Centro gekommen ist, sich nun aber schon seit Monaten nicht mehr hat blicken lassen, einen Cocktail von Tabletten geschluckt hat. Sie ist 16 Jahre.

Gott sei Dank ist sie rechtzeitig aufgefunden worden. Sie wurde mit Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus eingeliefert, wo ihr der Magen ausgepumpt wurde. Seit heute ist sie wieder zu Hause. Bárbara und ich fahren sie besuchen. Eine schwierige Situation, ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut. Wie soll das Gespräch ablaufen? Ich habe keine Vorstellung, weiß nur, dass wir den Vorfall selbst wohl kaum ansprechen können. Das müssen die Spezialisten machen und dann das Geschehene aufarbeiten. Das Mädchen wird psychologisch betreut werden.

Aber im Endeffekt unterhalten wir uns den Umständen entsprechend relativ locker mit der Familie und sagen dem Mädchen, dass wir sie im Centro gut gebrauchen könnten. Sie ist musisch sehr begabt und könnte das kürzlich genehmigte Musikprojekt mit ihrem Gitarrenspiel bereichern. Vielleicht findet sie den Weg zurück ins Centro und erkennt, dass sie auch dort einiges an Unterstützung finden kann. Die Mutter ist sehr betroffen über das, was geschehen ist. Sie weiß, dass sie für ihre Kinder kaum ansprechbar ist, weil sie viele Stunden auf dem Feld arbeitet. Vor diesem Hintergrund ist es fast gut, dass der Winter vor der Türe steht und die Arbeit auf dem Feld ruhen muss, sie somit in der nächsten Zeit mehr für ihre Tochter da sein kann. Andererseits werden die wenigen Ersparnisse schnell aufgebraucht sein und die Frau wird nicht wissen, wie sie die Familie durchbringen soll. Ein Teufelskreis. Einmal mehr gehe ich abends sehr nachdenklich ins Bett.

Das zweite Ereignis ist ein Besuch aus Santiago. Das Centro wird administrativ von einer NGO in Santiago betreut. Vier Mitarbeiter dieser NGO kommen sich das Centro anschauen und bringen reichlich Lebensmittel für die Kinder mit. Nachdem die Kinder unter Einbindung des Besuchs im Wettbewerb - also dementsprechend lautstark - Wortspiele durchgeführt haben, führen sie anschließend nochmal ihr japanisches Erzähltheater auf und tragen einige ihrer Fabeln vor. Der Besuch ist stark beeindruckt von den von den Kindern erfundenen Geschichten.

Als die Kinder nach Hause gegangen sind, diskutieren die Erwachsenen den Alltag im Centro und es wird ein regelmäßigerer Austausch mit der NGO vereinbart. Die Gruppe aus Santiago will ausserdem öfter vorbeikommen. Unter ihr befindet sich auch eine Psychologin, die anbietet, sich die „Problemkinder“ etwas näher anzusehen und jeweils Empfehlungen für das weitere Vorgehen zu geben. Das begrüßen die tías natürlich sehr.

Und schließlich steht der Muttertag vor der Türe. Tía Margarita hat mittlerweile aus den in der letzten Woche gemalten Karten Magnettafeln hergestellt, die man z. B. zur Verzierung des Kühlschranks nutzen kann. Eine Gruppe von fünf Kindern feilt weiter am Theaterstück und fast täglich singen die Kinder Muttertagslieder. Ich bekomme die Melodien gar nicht mehr aus dem Ohr. Aufführung soll am nächsten Donnerstag sein, die Mütter sind bereits eingeladen.

 

DIE SIEBTE WOCHE

3.5.

Aufgrund des Feiertags zum ersten Mai und des damit verbundenen Brückentags starten die Aktivitäten im Centro in dieser Woche erst am Mittwoch. Und auch am Mittwoch sind weitaus weniger Kinder im Centro (und auch in der Schule) als üblich. Viele Familien haben wohl die Auszeit um einen Tag verlängert.

In den kleineren Gruppen lässt sich allerdings besser lernen. Das nutzen wir aus und üben mit den Kindern intensiv Rechnen und Schreiben.

4.5.

Am Donnerstag bekommen wir Besuch von einem Repräsentanten des in Rancagua ansässigen Nahrungsmittelkonzerns Agrosuper. Bereits in der Vorwoche haben zwei Angestellte des Konzerns im Centro vorbei geschaut und angeboten, dass der Konzern zweimal im Jahr eine Mahlzeit mit Konzernprodukten für die Kinder stiften könnte. Die tías haben das Angebot gerne angenommen, waren aber auch ein wenig enttäuscht von diesem - aus ihrer Sicht - für einen so großen Konzern dürftigen Engagement. Die Aussage, dass es insbesondere an Geld fehle, um die Kinder sinnvoll zu fördern, hat offensichtlich gefruchtet. Man will im Konzern prüfen, ob es weitere Zuwendungen geben könnte.

Der Repräsentant der Firma holt daher weitere Informationen über das Centro ein. Die Entscheidung, welche Institution oder welches Projekt gefördert werden soll, wird im Konzern von einem Gremium gefällt. Das kenne ich so auch aus meinem ehemaligen Unternehmen. Die Förderungen der Großkonzerne sind oft zahlreich und müssen zentral koordiniert werden. Warten wir also ab, ob die Intervention der tías Erfolg haben wird.

5.5.

Ansonsten stehen in dieser Woche die Vorbereitungen für den Muttertag an. Wir üben einige Lieder ein, die die Kinder voller Inbrunst mitsingen. Ich bekomme die Melodien seither nicht mehr aus dem Sinn :-). Außerdem malt jedes Kind für seine Mamá eine Karte, die in der nächsten Woche noch weiterverarbeitet werden wird. Einige Kinder wollen auch ein Theaterstück einstudieren und vor den Müttern aufführen. Die tías starten daher erste Überlegungen, wie die Kinder diese Aufführung gestalten könnten. Und am Samstag trifft sich eine kleine Gruppe von Kindern, um den Stück schon mal ein wenig Leben einzuhauchen. Fortsetzung folgt in der nächsten Woche.

Am Donnerstag habe ich Don Manuel kennengelernt, eine denkwürdige Begegnung. Don Manuel ist Straßenfeger... und 93!!! Jahre alt. Ohne die Arbeit als Straßenfeger kommt er, der niemals Lesen und Schreiben gelernt hat, finanziell nicht über die Runden - ein Beispiel dafür, dass nicht nur die Kinder in Chile oft durchs Raster fallen und große Entbehrungen hinnehmen müssen, sondern auch viele alte Menschen. Würden die Älteren nicht von ihren Kindern unterstützt, könnten sie kaum überleben. Oder sie müssen, wie Don Manuel, auch noch im hohen Alter niedrig bezahle Jobs ausüben. Wie unfassbar traurig!

Einmal mehr wird aber auch klar, dass Bildung der wesentliche Schlüssel ist, um sich aus der Armut befreien und ein besseres Leben führen zu können. Wenn das Centro also dazu beitragen kann, den Kindern Wissen zu vermitteln und sie individuell zu fördern, damit sie zumindest die Chance auf ein Leben ohne Armut erhalten, ist dies allemal die Mühe wert, die die tías tagtäglich mit den Kindern haben.

 

DIE SECHSTE WOCHE

23.4.

Am Morgen haben Bárbara und ich ein Gespräch mit einer Psychologin, die an einer der zahlreichen Schulen von Graneros arbeitet. Eines der Kinder, Ellian, geht in die dritte Klasse, kann aber keinen einzigen Buchstaben schreiben und auch nicht einfachste Rechenaufgaben lösen.

Ellian hat das Problem, sich nicht auf eine Sache konzentrieren zu können, und stört ständig. Da die Lehrerin von Ellian neu an der Schule ist und somit keine Auskunft über Ellian geben kann, hat sich die Psychologin zum Gespräch bereit erklärt. Dieses ist sehr konstruktiv und es wird ein Fahrplan zu Ellians Förderung im Centro entwickelt, um ihm die Basics vermitteln zu können. Schafft das Centro dies nicht, bleibt Ellian sein Leben lang abgehängt. Ein richtiges Zuhause, welches ihn fördern könnte, hat er nicht.

Auch einige andere Kinder, die ins Centro kommen, gehen in Ellians Schule. Die Psychologin horcht interessiert auf. Es werden ein Infoaustausch und regelmäßige Treffen vereinbart, um künftig Hand in Hand arbeiten zu können. Als wir aus dem Büro der Psychologin gehen, ist gerade Pause. Von allen Seiten kommen auf einmal die Kinder, die ins Centro kommen, auf uns zugestürmt und begrüßen und umarmen uns. Sicherlich können sie sich damit bei den Mitschülern auch ein wenig interessant machen, denn diese werden anschließend fragen, wer wir gewesen sind.

Der Nachmittag steht ganz im Zeichen von Fabeln. Nachdem besprochen wurde, was eine Fabel auszeichnet, dürfen die Älteren selbst eine Fabel schreiben und die Gruppe der 8-10 jährigen eine Fabel nachspielen. Vorher erfolgt ein Griff in die große Kleiderkiste.

Das Kostümieren erfolgt mit viel Jubel und Gelächter. Das lockt die Kleinen an, die sich nun auch kostümieren wollen und ihre bisherigen Aktivitäten Knall auf Fall liegen und stehen lassen. Einige Mädels laufen auf einmal geschminkt durch die Räume. Sie haben sich kurzerhand bei den Malfarben bedient - Gott sei Dank sind diese ungiftig... Mit zum Teil erstaunlicher Fertigkeit und Raffinesse werden die Fabeln vorgeführt. Einige Kinder sind ganz in ihrem Element. Scheu im Vorspielen haben sie nicht. Diese ist erst bei den Großen zu finden, die sich ungern vor die Gruppe stellen und das Ergebnis ihrer Arbeit präsentieren.

24.4.

Heute malen die tías nach Wahl der Kinder Motive auf Jute-Rechtecke auf, die von den Kindern mit bunter Wolle bestickt werden. In den Wochen, die ich jetzt in Graneros bin, habe ich die Kinder noch nicht so vertieft in eine Sache gesehen. Selbst die Jungs arbeiten ganz konzentriert, bitten immer wieder um Hilfe. Toll zu sehen ist, dass sich Rolando erstmalig an einer solchen Aktivität beteiligen kann. Völlig ruhig sitzt er mit allen anderen am Tisch und stickt vor sich hin. Nichts zu sehen von der sonstigen Unruhe und Aggressivität - so dachte ich.

Als wir dann aber vom Spielplatz zurück kommen, ist er auf einmal wie ausgewechselt, stört, beleidigt andere Kinder, und als die tías ihn zur Ordnung rufen, wird er furchtbar böse, tritt um sich, beleidigt die tías. Er ist kaum zu bändigen. Warum er in dem Umfeld derart ausrastet, lässt sich nicht nachvollziehen. Es ist doch noch ein weiter Weg, den Rolando vor sich hat. Seit einigen Wochen wird er von einem Psychologen begleitet.

Der Tag im Centro endet mit dem Besuch des Spielplatzes und einem gigantischen Sonnenuntergang. Abends fahren Bárbara und ich noch eine Familie besuchen. Patricio, der Sohn, ist seit längerer Zeit nicht mehr im Centro erschienen. Wir wollen wissen, warum er nicht mehr kommt. Es stellt sich heraus, dass die Mutter, die den ganzen Tag auf dem Feld arbeitet, davon nichts wusste. Ihr liegt aber daran, dass Patricio weiterhin ins Centro geht. Schauen wir also mal, ob er in den nächsten Tagen auftaucht. Er ist recht faul, und hat einfach keine Lust am Lernen. Da die Mutter nicht kontrollieren kann, was er nach der Schule macht, haben wir Zweifel, ob er ins Centro zurückkommen wird.

25.-27.4.

Nachdem die Kinder zunächst ihre Stickarbeiten weitergeführt haben, starten wir am Mittwoch ein mehrtägiges Projekt. Am Rande von Lernen und dem Toben auf dem Spielplatz führt uns Bárbara zunächst ein Beispiel von Erzählungen vor, die visualisiert und eingerahmt in eine selbst gebastelte Theaterkulisse präsentiert werden. Die Idee kommt aus Japan und nennt sich Kamishibai. Den Kindern gefällt das. Als sie jedoch hören, dass sie als nächste Aktivität in Gruppen selbst Geschichten erfinden, zeichnen und vorstellen sollen, ist erst einmal Ratlosigkeit angesagt.

Mit Hilfe der tías fangen sie dann aber doch nach einer Weile an, erste Ideen zu entwickeln. Am nächsten Tag werden Geschichten und Überlegungen für die Zeichnungen weiterentwickelt. Die Gruppen sind sehr vertieft in ihre Arbeit. Die Kinder lernen hierbei, mit anderen zusammenzuarbeiten, andere Meinungen und Ideen zu akzeptieren, ihre eigenen Ideen und Vorschläge zu verteidigen. In allen 4 Gruppen funktioniert dieser Prozess gut. Am Freitag wird noch Fine-Tuning gemacht und dann geht es ans Präsentieren.

Die Kinder haben wunderschöne Geschichten geschrieben und toll grafisch umgesetzt. Meist wechseln sie sich in der Präsentation ab. Die Gruppe der Jungs hat eine besonders schöne Geschichte entwickelt, die sogar prämiert wird. Mich freut, dass Vicente und Rolando darunter sind, die sichtlich stolz auf dieses Erfolgserlebnis sind. Zum Abschluss dieser kreativen Woche gibt es für alle Papas fritas. Die tías haben 6 kg Kartoffeln geschält und geschnitzt, und tía Margarita hat stundenlang frittiert. Das lange 1. Mai-Wochenende kann kommen....

 

DIE FÜNFTE WOCHE

16.4.

Am Montag steht Großeinkauf in Rancagua für die colación an.

Wir kaufen in einem Geschäft, welches ausschließlich Kekse und Süssigkeiten verkauft, riesige Pakete an Keksen ein. Das wird für ein paar Tage reichen.

 

Im Centro basteln wir mit Luftballons und Wolle. Eine ziemliche Schweinerei, die die tías anschließend beseitigen müssen. Der Klebstoff ist wirklich überall.

17.4.

Der Dienstag ist ein Frusttag für die tías. Erst üben wir ziemlich erfolglos die Kategorisierung von kurzen Sätzen in Substantiv, Adjektiv und Verb. Fast keines der Kinder hört zu, woran man erkennen kann, um was es sich handelt. Lieber wird geraten, die Trefferquote liegt immerhin bei gut 33 Prozent.

Dann sind einige Mädels heute ziemlich weinerlich. Der geringste Anlass reicht aus, um sie in Tränen ausbrechen zu lassen. Weiß der Teufel, was sie zu Hause oder in der Schule erlebt haben, dass Kleinigkeiten sie so aus der Fassung bringen und sie getröstet werden wollen bzw. Nähe suchen. Und schließlich ist eine Gruppe von Jungs derart laut und ungezogen beim Malen mit Wattestäbchen (Ausdauerübung), dass sie von der Aktivität ausgeschlossen werden und sie stattdessen Mathe üben müssen.

Als alle Kinder nach Hause gegangen sind, wird Kriegsrat abgehalten. Was können wir tun, um die Kinder besser zu bändigen? Leider fehlt es an Räumlichkeiten, um die „harten Nüsse“ zu separieren und separat zu beschäftigen. Damit besteht immer die Gefahr, dass sie auch den Rest der Gruppe aufmischen. Künftig wollen wir darauf achten, die Kinder besser zu durchmischen und mehr an einzelnen Tischen zu beschäftigen als die Tische aneinanderzureihen. Einen Versuch ist es wert.

Müde gehen wir nach Hause. Ein Tag wie dieser schlaucht ungemein. Heute weiß ich, warum ich nicht Lehrerin oder Erzieherin geworden bin. Auf Dauer würde mir die Geduld beim Unterrichten fehlen. Hut ab vor allen, deren Profession das ist. Wie gut, dass die fest angestellten tías mehr Ausdauer als ich haben...

18.4.

Heute erreicht uns ein Anruf aus Rancagua. Das Projekt zur musischen und kulturellen Förderung der Kinder wurde genehmigt. Was für eine gute Nachricht! Jetzt kann es an die Ausgestaltung mit den Verantwortlichen gehen.

Im Centro steht heute ein Wissenspiel an. Die Kinder treten in drei Gruppen gegeneinander an und müssen Fragen beantworten. Das Spektakel ist unbeschreiblich laut, egal ob die Frage richtig beantwortet wurde (Hurra-Schreie der Mitstreiter) oder falsch („das war doch so einfach, wie kannst du das nicht wissen“). Die Kinder finden gar kein Ende, die abholenden Mütter müssen heute ganz schön lange auf ihre Kinder warten.

19.4.

Heute ist wieder Backtag. Auf der Agenda steht das Backen von Berlinern. Das Resultat hat nur entfernt etwas mit dem uns bekannten Gebäck zu tun, aber den Kiddies schmeckt es.

Die Nachricht des Tages: Rolando hat seine Brille! Bárbara hat einen Optiker ausfindig gemacht, der die Brille zur Hälfte der bisher veranschlagten Kosten verkauft. Die Hälfte hiervon hatten die Eltern bereits zusammengespart, die andere Hälfte habe ich gesponsert. Hoffentlich fällt Rolando jetzt das Lernen leichter und hoffentlich baut sich auch seine Aggressivität sukzessive ab. Die Gläser haben 13 und 14 Dioptrin! Man kann sich also vorstellen, dass der Junge rein gar nichts hat erkennen können, wenn es ums Lesen oder Rechnen ging.

20.4.

Die Woche im Centro schließt bei wunderschönem Wetter mit Mannschaftsspielen ab. Beim Seilziehen reißt leider das Seil, aber Gott sei Dank geht alles glimpflich ab. Die Qualität der Materialien lässt manchmal zu wünschen übrig, aber es wird alles so lange genutzt, bis es wirklich nicht mehr geht. Es wird wirklich kein Peso verschwendet - oder sagen wir besser: kein Euro, weil die Finanzierung des Centros aus Deutschland erfolgt. Das schöne Wetter lädt dann auch zu Ausflügen am Wochenende ein. 

 

DIE VIERTE WOCHE

9.4.

Ich liege noch im Bett, als auf einmal alles schwankt. Mein erstes Erdbeben in Chile!

Während ich noch überlege, ob das Beben eventuell stärker ist als das vor vielen Jahren in Köln spürbare und ob ich nach draußen laufen soll, ist es auch schon vorbei.

Das Beben entpuppte sich als eines der Stärke 6.2 auf der Richterskala. Das ist dann doch nicht ganz so klein gewesen. Zumindest ist das Beben in aller Munde. Und ich dachte, dass das für chilenische Verhältnisse nicht erwähnenswert sei. Beim nächsten Beben sollte ich vielleicht doch etwas spritziger reagieren.

Als Highlight des heutigen Tages steht im Centro das Basteln mit dem Herbstlaub an. Auch wenn die Tage ab der Mittagszeit aufgrund der vielen und sehr intensiven Sonne immer noch sehr sommerlich sind, ist es in den Nächten und am Morgen mittlerweile recht kalt. Das lässt die Bäume bunt werden und die Blätter rieseln. Also ziehen wir mit den Kindern los und sammeln auf dem Spielplatz, wo sich viele Bäume befinden, Laub ein.

Heute sind sehr viele Haitianer auf dem Spielplatz. Sie sitzen in Gruppen auf den Bänken. Chile hat mittlerweile sehr viele Immigranten, vorwiegend aus Haiti, Bolivien und Kolumbien. Gerne gesehen sind diese nicht, denn im Endeffekt besteht die Gefahr, dass sie den Chilenen die Arbeit wegnehmen, weil sie sich mit noch geringeren Stundenlöhnen begnügen. Mögliche Folgen: noch weniger Arbeit für die Einheimischen, steigende Armut, erhöhter Drogen- und Alkoholkonsum als Ersatzhandlung.

Wenn ich durch die Straßen laufe, sind bestimmt 5-7 Prozent dunkelhäutig und somit aus Haiti. Das ist schon auffällig viel. Die Kinder des Centros haben mit diesen Gedanken nichts am Hut. Viele von ihnen gehen auf die für sie Fremden zu und verwickeln sie in Gespräche. Die Haitianer haben ihren Spass daran. Völkerverständigung kann so einfach sein. Würden sich die Erwachsenen doch auch einmal was davon abgucken.

Zurück im Centro werden mit den Blättern Löwenmähnen, Haarschöpfe, riesige Blumen und vieles mehr fabriziert. Juliana und Alexis wollen unbedingt noch ein paar Farbkleckse einbauen. Also gehe ich mit den beiden auf Blumensuche - und tatsächlich können wir einige wenige Blüten, die aus Nachbars Vorgarten auf den Bürgersteig ranken, stibitzen.

Zum Abschluss des Tages stellt tía Margarita Popcorn her. Als die Maiskörner mit lautem Knall explodieren, ist das ein großes Hallo. Jeweils mit einer Tüte Popcorn ausgestattet machen sich die Kinder auf den Heimweg. 

 

10.4.

Eigentlich wollten sich die tías heute Vormittag nur treffen, um das am Wochenende erhaltene Material zu sichten. Stattdessen mutiert das Treffen spontan zum Austausch von Eindrücken, die die tías in den letzten Wochen gewonnen haben. Thematisiert werden insbesondere die Problemkinder. Ich habe den Eindruck, dass sich alle etwas von der Seele reden müssen.

Zwei tías betreuen Kinder, die trotz mehrerer absolvierter Schuljahre immer noch nicht lesen und schreiben können. Das ist sehr frustrierend sowohl für die Kinder, als auch für die tías. Bei einem Mädchen wird vermutet, dass es sexuell missbraucht wird. Die Schule wurde bereits eingebunden, hat aber nichts unternommen. Dem Centro sind die Hände gebunden. Die alleinerziehende Mutter lässt die tías nicht ins Haus und ist auch außerhalb ihres Zuhauses nicht zu Gesprächen bereit.

Hier stoßen die tías an die Grenzen ihrer Arbeit, aber auch an eigene Grenzen. In diesen Momenten sind die Zweifel groß, wie sinnvoll die Arbeit mit den Kindern tatsächlich ist. Es braucht schon eine gehörige Portion Idealismus, um sich von solchen negativen Erlebnissen nicht ins Bockshorn jagen zu lassen und die Arbeit hinzuwerfen. Aber alle tías sehen auch, dass die Kinder dann wieder ganz alleine dastünden. Dieser Gedanke ist für alle Motivation genug weiterzumachen.

Im Centro arbeite ich heute mit Vincente. Es ist selbst für meinen laienhaften Blick ersichtlich, dass er sehr verstört ist. Er kann niemanden anschauen, spricht kaum hörbar, separiert sich von allen anderen. Außerdem schaukelt er oft mit dem Oberkörper hin und her. Er hat ein großes Problem damit, dass sein kleiner Bruder etwas rechnen und lesen kann, er jedoch nicht. Es ist unglaublich schwierig, ihm in seiner Situation das Addieren von Zahlen beizubringen. Ich lobe ihn bei den kleinsten Erfolgserlebnissen, um sein Selbstvertrauen anzukurbeln. Keine Ahnung, ob ich das richtig mache. Hier wäre ein psychologisch ausgebildeter Mensch richtig am Platz. Aber Vincente muss sich jetzt gerade leider mit mir begnügen.

Immerhin schaffe ich es, dass er, der sich anfangs schnell verdrücken wollte, auf einmal weitere Aufgaben lösen möchte. Gemeinsam addieren wir mit Hilfe der Finger unserer vier Hände Zahlen. Anschließend gehen wir beide mit den Kleinen und tía Margarita spazieren und irgendwann beteiligt sich Vincente sogar am Aufsammeln von den mittlerweile bunt gefärbten Blättern der umliegenden Bäume. Die Blätter wollen wir für weitere Bastelarbeiten verwenden. Wie schön zu sehen, dass er ein paar klitzekleine Schritte in Richtung Gemeinschaft macht. Aber wie traurig nicht zu wissen, was diesem Jungen widerfahren ist bzw. warum er so ist, wie er ist.

 

11.4.

Den Morgen widme ich ganz dem Anmalen von Eisstielen!!! Die Kinder bauen damit Figuren nach. Leider haben wir nur holzfarbene Eisstiele, also werden diese kurzerhand von mir in allen verfügbaren Farben angemalt. Ein sehr meditativer Zeitvertreib ;-) Ich bin jetzt anerkannter Eisstiel-Anmaler!

Die Grossen erstellen in der Zwischenzeit tolle Bilder aus Knetgummi. Vor dem Basteln wird jedoch gelernt. Es ist immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich der Wissensstand der Kinder ist, die in ein und derselben Klasse sind. Vincente übt heute mit tía Vilma das Buchstabieren. Anschliessend auf dem Spielplatz will er zwar nicht mit den anderen spielen, aber immerhin turnt er ein wenig an den Geräten, und ab und zu lächelt er. Vielleicht freut er sich ein wenig, dass er kleine Fortschritte beim Lernen macht. Und beim Basteln mit den Eisstielen bringt er sich ein wie alle anderen auch. Es wäre so toll, wenn er die Kurve bekommen würde...

 

12.4.

Wir sind in der Zeitung! Wie erwartet wurde der Besuch des Senators medienwirksam aufbereitet. Die angekündigten Materialien lassen hingegen immer noch auf sich warten. www.rengoenlanoticia.cl/not/2018/04/12/senador-letelier-busca-apoyo-para-centro-jaques-sevin-de-graneros/

Highlight des heutigen Tages ist das Backen von sopaipillas, in Fett ausgebackener Teig, der aus Mehl, Kürbis, Backpulver und Schmalz besteht. Das Centro sieht anschließend mal wieder aus, als wäre eine Tüte Mehl explodiert. Aber die Freude der Kinder zu sehen ist die Mühe des anschließenden Saubermachens wert.

Vincente hat sich heute an allen gemeinsamen Aktivitäten beteiligt und schien sogar Spass daran zu haben. Es wird! Der Tag schließt mit einem superschönen Sonnenuntergang ab.

 

13.4.

Ein herrlicher Herbsttag! Wir gehen heute mit den Kids spazieren. Ziel ist ein großer Sportplatz, wo sich die Kinder bei Fußball und Mannschaftsspielen austoben können. Die tías feuern kräftig an.

Einige Kinder sind schon früher ins Centro bestellt worden, ihren Läusen soll heute der Garaus gemacht werden (“operación piojos”). Tía Margarita arbeitet mit Läuse-Kamm und Läuse-Shampoo. So werden die Kinder einige Zeit Ruhe haben. Aber der nächste Lausbefall wird nicht lange auf sich warten lassen. Die Hygiene zu Hause lässt zu wünschen übrig. Je kälter es wird, desto weniger kommen die Kinder mit Wasser in Berührung.

Am Vormittag haben Bárbara und ich die Schule San Martín besucht. Dort gehen die Kinder der ärmsten Familien in Graneros in die Schule, in Summe 120 Schüler. Wir treffen die Direktorin Isabel. Sie berichtet über die zahlreichen Lernschwierigkeiten der Schüler und den Einfluss des Familienumfelds auf das Verhalten und das Lernen der Kinder. Auch hier müssen die Lehrer eine große Portion Optimismus und Idealismus mitbringen, wenn sie versuchen, den Kindern etwas beizubringen. Es gibt Kinder, die permanent stören, andere, die nur sehr unregelmäßig kommen.

Isabel berichtet von einem Kind, welches anfangs den Klassenraum nicht betreten wollte. Mittlerweile schafft der Junge es, eine Stunde täglich am Unterricht teilzunehmen, dann muss er raus aus dem Klassenzimmer. Es ist sehr mühsam, solche Kinder Schritt für Schritt an das Lernen heranzuführen. Die enge Abstimmung mit der Schule ermöglicht es dem Centro, an genau diesen Lernschwierigkeiten anzusetzen und die Kinder außerhalb der Schule weiter zu fördern.

 

DIE DRITTE WOCHE

2.4.

Am Wochenende ist die Mutter mit ihren drei Kindern in die Scheune des Centro eingezogen. Heute morgen werden noch einige sperrige Teile mit dem Auto angeliefert. Bárbara und ich helfen beim Entladen.

Im Centro unterstütze ich heute zunächst die Gruppe der Kleinen. Wir nehmen uns ein Sudoku für Kinder vor, welches mit Farben arbeitet. Simon, mit fünf Jahren das jüngste Kind, hat den Dreh am Schnellsten raus.

Zum Ausgleich geht‘s auf den Spielplatz. Wir spielen an den Geräten, schaukeln, turnen, schlagen Rad. Anschließend steht bei mir Rechnen mit den Größeren auf dem Programm. Die tía-Rufe nehmen kein Ende, jedes Kind will Hilfe erhalten. Man könnte sich klonen...

Heute sind 4 neue Kinder aufgetaucht. Damit ist die Kapazität des Centros erschöpft, sowohl räumlich als was die Betreuung anbelangt. Es ist unglaublich, wie intensiv die tías nachgefragt werden. Da muss man schon schauen, dass man allen gerecht werden kann.

Gegen 18:30 h taucht auf einmal ein Politiker im Centro auf. Er ist seit 30 Jahren Senator, besucht das Centro aber zum ersten Mal. Er fragt die Kinder, was die am Nötigsten brauchen. William macht klare Ansagen: es fehlen Stühle, Material zum Schreiben und Basteln und vieles mehr. Es werden Fotos geschossen. Hoffentlich ist es damit nicht getan. Viele Politiker nutzen gerne die Publicity, die sie mit solchen Auftritten erzielen können, lassen es aber anschließend an Taten fehlen. Sind wir mal optimistisch, dass dieses Mal tatsächlich Hilfe geleistet wird.

 

3.4.

Heute morgen habe ich mich lange mit Bárbara unterhalten. Einerseits ist es ein Segen für die Kinder, dass es das Centro und die tías gibt. Andererseits wissen einige Eltern sehr genau, dass es die tías schon richten werden, weil sie den Kindern besonders harte Situationen einfach nicht zumuten wollen. Es ist dann schon sehr frustrierend für die tías, die Passivität oder oft auch Resignation der Eltern zu ertragen. Eine ordentliche Zwickmühle, die für die tías in der täglichen Arbeit sehr belastend sein kann.

Im Centro basteln die Kinder heute mit Eierkartons Tiere. Unglaublich, was einige fabrizieren. Katzen, Wale, Krokodile, Küken.... was man alles mit nur wenigen und vor allem günstigen Materialien machen kann.

 

5.4.

Heute morgen meldet sich doch tatsächlich das Büro des Senators und kündigt an, Material für das Centro liefern zu wollen. Was für eine Überraschung! Er macht sein Versprechen tatsächlich war!

Unterdessen versucht Bárbara weiterhin, einen Sponsor für Rolandos Brille zu finden. Ich will einspringen und die Brille bezahlen, weil ich einfach nicht ertragen kann, dass Rolando, ein intelligentes Kind, keinen Zugang zum Lernen hat, nur weil er nicht richtig sehen kann. Außerdem ist Rolando mittlerweile recht aggressiv in der Schule, rastet häufig aus. Kein Wunder, wenn er nirgendwo mithalten kann, weil seine miserable Sehkraft das nicht erlaubt. Bárbara will aber erst einmal alle anderen Möglichkeiten ausreizen.

 

6.4.

Bárbara und ich haben heute endlich die Vorbesprechung für den Workshop mit den Eltern. Wir nutzen die Gelegenheit, diverse Themen anzusprechen. Rolandos aggressives Verhalten, Victor Hugos asoziales Verhalten, die Misere der Mutter, die in die Scheune des Centro eingezogen ist. Für Rolando springt die Möglichkeit der Teilnahme an einem speziellen Programm heraus, für Victor Hugo will man versuchen, eine Pflegefamilie zu finden (das Wohnen bei der völlig überforderten Großmutter ist auf Dauer keine Lösung) und die Mutter erhält weitere Förderung, wenn sie die Gespräche mit dem Psychologen fortsetzt.

Am Nachmittag geht es mit den Kindern ins Zentrum der Stadt. Also alle Mann ins Auto und ab geht’s... Im Zentrum gibt es einen großen Platz mit zahlreichen Spielmöglichkeiten. Der Renner aber ist eine Kutsche, die dort steht und uns gratis eine Runde mitfahren lässt. Das Balgen um die erste Fahrt ist groß, aber im Endeffekt haben alle die Möglichkeit, eine Runde zu drehen. Die Kinder auf dem weitläufigen Platz einigermaßen zusammenzuhalten ist schlimmer, als einen Sack Flöhe zu hüten. Manche sind statt mit Bárbaras Auto mit dem Fahrrad gekommen. Und weg sind sie...

 

7.4.

Luisa, eine Freundin von Bárbara, ist Lehrerin. Ihre Schule veranstaltet am heutigen Samstag ein Schulfest. Es wird getanzt, wie es halt nur die Latinos können. Im Vorfeld hat Luisa um Sachspenden für die Graneroskids-Kids gebeten. Und auf einmal finden Bárbara und ich uns auf der Bühne wieder und nehmen drei riesige Kisten gefüllt mit Stiften, Blocks, Bastelmaterialien und vielem mehr in Empfang.

Bárbara hält eine kurze Rede (vorbereitet hatte sie darauf keiner) und ich beschränke mich aufgrund der nicht ausgereiften Sprachkenntnisse aufs Küsschen geben und Bedanken. Was hier an Material zusammen gekommen ist wird den Kindern im Centro einige Monate über die Runden helfen. Toll, dass Luisa so kräftig Reklame für das Centro gemacht hat.

 

DIE ZWEITE WOCHE

26.3.

Am Wochenende wurde der Bürgermeister von Graneros abgesetzt! Angeblich hat er Gelder nicht dorthin fließen lassen, wo sie landen sollten. Für das Centro bedeutet dies, dass die Lobbyarbeit in der letzten Woche umsonst war. Und bis wir Zugang zum neuen Alcalde haben werden dürfte es etwas dauern.

Mit den Kindern aus Bárbaras Gruppe üben wir heute Multiplikationen. Einige verstehen sofort, dass 2+2+2 das Gleiche ist wie 3x2 oder 2x3. Für andere bleibt dies weiterhin ein Mysterium und sie können das Prinzip nicht auf andere Zahlenreihen übertragen.

Mir fällt Rolando auf, der sich beim Rechnen auf das Raten der Ergebnisse spezialisiert hat. Er hängt mit dem Gesicht ganz nah über seinen Rechenaufgaben. Ich habe das Gefühl, dass er sehr schlecht sehen kann. Vielleicht ist er deswegen so schlecht im Lesen, Schreiben und Rechnen. Bárbara bestätigt dies. Mal sehen, was sich hier machen lässt.

Nach dem Rechnen geht es raus auf den Spielplatz, wo sich alle ihre Beschäftigung suchen. Noch ist tolles Wetter, so dass alle Aktivitäten, die draußen stattfinden, Spaß machen.

 

27.3.

Wir besuchen am Morgen ein Familienzentrum, weil ein Workshop mit den Eltern der Kinder organisiert werden soll. Mitarbeiter dieser Institution aber auch Psychologen sollen daran teilnehmen. Es wird ein Vorabtreffen der Organisatoren für den kommenden Dienstag festgelegt.

Im Centro setzen wir mit den Großen die Rechenaufgaben des gestrigen Tages fort, während die Kleinen Malen. Blanca, die gestern richtige Erfolgserlebnisse hatte, muss heute wieder auf die Multiplikationstabellen zurückgreifen. Seltsam, warum ist sie heute so unkonzentriert und kann ihre Fähigkeiten nicht einsetzen?

Allen ist schwer zu vermitteln, dass eine Multiplikation mit Null immer Null ist. Und auch eine Multiplikation mit eins ist schwer greifbar für die Kinder. Mal sehen, was die Tabellen so sagen... Die Übungen, die im Centro mit den Kindern durchgeführt werden, stammen aus Materialien, die das in der Schule Gelernte vertiefen. So stellen Sie eine sinnvolle Ergänzung dar.

Nach den Pflichten wird gebastelt. Ostern steht vor der Tür! Jedes Kind bastelt ein Osterkörbchen. Ich helfe Marie Isabel dabei. Sie ist geistig behindert und braucht ein wenig Hilfe, freut sich aber riesig, als ihr Körbchen fertig vor ihr steht.

Tía Vilma flickt in der Zwischenzeit den zerrissenen Rock von Carlita. Auch das gehört zur Arbeit der Tías.

 

28.3.

Nach den Rechenaufgaben bekommen die Kinder heute eine Einweisung zum Maler Vincent van Gogh und seinen Gemälden. Sie können sich diese auf dem Laptop, den Bárbara mitgebracht hat, genauer ansehen. Anschließend bekommen sie schwarz-weiß Kopien der Gemälde und dürfen sich nun selbst als Maler betätigen.Das Gemälde von Rolando geht in Richtung Popart. Toll, wie kreativ die Kinder sind.

William ist heute sehr deprimiert. Sein Kopf liegt auf seinen verschränkten Händen auf dem Tisch. So bleibt er unbeweglich liegen. Wir können ihm nicht entlocken, was ihm fehlt oder was ihm widerfahren ist, und ihn auch nicht motivieren, ebenfalls zu malen. Wir lassen ihn irgendwann in Ruhe, so dass er seine Traurigkeit ausleben kann.

Während die Kinder malen entlaust Bárbara den Schopf von Juliana. Auch das ist der Alltag der tías. Zu Hause kümmert sich niemand darum. Mal sehen, ob die Läuse auch meinen Kopf befallen. Bei der körperlichen Nähe zu den Kindern ist das fast nicht zu vermeiden.

Unterdessen darf ich mich als Näherin betätigen. Juliana hat sich den Saum ihres Schulrocks aufgerissen. Als Dankeschön gibt‘s ein Küsschen (haben die Läuse schon den Wirt gewechselt??).

Die tías haben beschlossen, der Mutter, die in der mit Ratten verseuchten Wohnung wohnt, die dem Centro angegliederte Scheune zu überlassen. Dies ist allerdings mit Auflagen verbunden. So dürfen die Kinder des Centros keinesfalls gestört werden. Mal sehen, ob das funktionieren wird. Die Frau fängt noch am Abend an, die Scheune sauber zu machen.

 

29.3.

Ostern steht vor der Tür! Heute gibt es erst eine Fragestunde zu Ostern und dessen Bedeutung. Viele Kinder beteiligen sich an der Diskussion und geben ihr Wissen preis. Dann schauen wir uns einen Zeichentrickfilm über die Semana Santa, die Woche vor Ostern, an.

Alle sind ganz bei der Sache und schauen sich den Film gern an - alle bis auf Victor Hugo. Wie meistens distanziert er sich von allen anderen. Die tías lassen das nicht zu. Immer wieder versuchen sie, ihn zu integrieren - oft ohne Erfolg. Dass Victor Hugo zurzeit keine Schule besucht, ist nicht gerade förderlich für sein Sozialverhalten.

Anschließend geht es in einen Gemüsegarten, der der Baumschule gehört, die wir letzte Woche besucht haben. Wir werden schon erwartet. An einem Tisch zeigt ein Mitarbeiter der Baumschule, welche Pflanzen aus welchen Samen wachsen. Das Erstaunen ist groß. Dann dürfen die Kinder selbst zur Tat schreiten. Sie basteln mit Hilfe von Papier ein Gefäß, in welches sie Erde einfüllen und Samen einsetzen. Schnell wird das Ganze noch bewässert, und das Ergebnis dürfen die Kinder mit nach Hause nehmen und pflegen.

Den Kindern bereitet es großen Spaß, mit der Erde und dem Wasser herumzumatschen. Schließlich dürfen die Kinder im Gemüsegarten noch Gemüse ernten. Jedes Kind darf eine Gemüsetüte füllen. Alle sind ganz aufgeregt.

Wieder zurück im Centro hat der Osterhase die Osterkörbchen mit Schoko-Eiern gefüllt. Was für ein ereignisreicher Tag. So geht jedes Kind zufrieden ins Oster-Wochenende.

 

DIE ERSTE WOCHE

19.3.

Die Fahrt von Santiago nach Graneros verläuft völlig unproblematisch. Erst im colectivo bis zur Metrostation Bellavista de las Floridas, dann im Pullmann Florida Bus nach Graneros, Fahrzeit ca. 60 Minuten. An der Haltestelle, die direkt an der carretera liegt, wartet Bárbara bereits auf mich. Wir fahren zu ihr nach Hause. Ich beziehe dort mein gemütliches Zimmer.

Dann geht‘s ins Centro. Die Kinder haben mir einen herzlichen Empfang bereitet. Sie sind total anhänglich, drücken und küssen mich, fragen mich Löcher in den Bauch. Unglaublich, wie die sich über ein wenig Schokolade gefreut haben. Als hätte man ihnen ein i-phone geschenkt...ich dosiere die mitgenommenen Leckerlis und Geschenke, damit die Begeisterung auch in den nächsten Tagen anhält.

 

20.3.

Die Sprache ist schon eine Herausforderung. Von allen Latinos sprechen die Chilenen am schlechtesten. Das sagen sie selbst. Als wäre die Sprache nicht schon an sich genug Herausforderung... nochmal eine weitere Hausnummer sind die Kinder. Kinder zu verstehen ist manchmal ja auch im Deutschen nicht einfach. Dann der unglaubliche Lärm, den sie machen und die oft recht lautstarken Stimmen der Erzieherinnen (was auch erforderlich ist).

Heute waren wir mit den Kindern auf einem Spielfeld in der Nähe und haben Mannschaftsspiele durchgeführt. Zwei Mannschaften sind gegeneinander angetreten. War das ein Spaß für alle! Sie mochten gar nicht mehr aufhören. Die Kinder suchen regelmäßig Nähe. Sie kommen sogar während des Spiels vom Spielfeld, drücken mich, und laufen wieder aufs Feld um weiterzuspielen. Beim Lernen bin ich von den Kindern schon kräftig mit eingebunden und um Hilfe gebeten worden. Mein Einsatz ist aufgrund der Sprachkenntnisse limitiert, aber wo es geht freue ich mich helfen zu können. Eine Gruppe hat heute eine kleine Geschichte einstudiert und anschließend präsentiert. Sie haben sich sehr über den Applaus gefreut.

 

21.3.

Heute fahre ich mit Bárbara nach Rancagua, der Provinzhauptstadt. Sie will dort bei der Provinzverwaltung für ein Projekt vorsprechen, welches die musikalische Erziehung der Kinder fördert. Leider scheitert das Anliegen an einigen Formalitäten. Bürokratie also auch in Chile.

Anschließend fahren wir die alleinstehende Mutter von 2 Geschwistern, die ins Centro kommen, besuchen. Der Mann hat seine Frau windelweich geschlagen, sie hat ihn daraufhin verlassen und wohnt jetzt in einem Loch, anders kann man es leider nicht bezeichnen. Nachts kommen die Ratten und haben schon das Baby angefressen. Die Tapeten fallen von den Wänden, weil es hereinregnet, der Vermieter hat sich herausgenommen, eines der Zimmer an Bolivianer unterzuvermieten, ohne dies vorher mit der Frau abzusprechen. Sie hat fürchterlich geweint und war extrem verzweifelt, insbesondere, da man auch noch in ihre Unterkunft eingebrochen war. Es ist ihr fast nichts geblieben.

Dieser Besuch ging mir extrem nahe und ich habe mich sehr hilflos gefühlt. Unglaublich, mit welcher Perspektivlosigkeit manche Menschen leben müssen. Das zeigt sich natürlich auch an den Kindern. Gestern wurde in einer Gruppe gefragt, was die Kinder mal erreichen möchten, Beruf, eigenes Zuhause oder sonstiges. Die Fragestellung war: was ist dein Traum? 2 von 4 Kindern hatten keinen... sie können sich wohl nicht vorstellen, dass das Elend ein Ende haben könnte. Warum also träumen?

Im Centro gab es am Nachmittag Besuch von zwei Märchenerzählern, die das Märchen auch schauspielerisch umgesetzt haben. Die Kinder haben aufmerksam zugehört und hatten ihren Spaß, aber auch die tías hat es sehr erfreut. Diese Aufführung hat ein wenig von der Traurigkeit des heutigen Morgens genommen. Aber das Beste: Bárbara hat mit Hilfe ihres großen Netzwerks zwei Optionen aufgetan, um der Frau ein neues Zuhause zu verschaffen. So nimmt der Tag endgültig eine gute Wende.

 

22.3.

Im Centro steht heute Kochen auf dem Programm. Also werden alle notwendigen Kochutensilien und Lebensmittel eingepackt.

Im Centro angekommen stellen wir fest, dass gerade einige Spenden abgeliefert wurden. Einige Frauen sammeln regelmäßig für das Centro. Heute gab es einige Materialien wie z. B. Malstifte, Blocks und vieles mehr, aber auch Süßigkeiten. Zwei Kinder stecken mir jeweils ein Gummibärchen zu - ich bin total gerührt, dass sie ihren gerade erhaltenen Schatz mit mir teilen, obwohl sie sicherlich nicht oft Süßigkeiten erhalten.

Ich geselle mich zu den Kindern, die gerade Hausaufgaben machen und versuche, zwei Mädels das Multiplizieren von größeren Zahlen beizubringen. Am Ende habe ich das Gefühl, dass sie das Prinzip tatsächlich durchschaut haben.

Und dann geht es endlich ans Kochen! Die Kinder werden in 3 Gruppen eingeteilt. Auf jedem Gruppen-Tisch stehen Margarine, Zucker, ein Ei, Mehl, Backpulver. Bevor die tías ansagen können, was gemacht werden soll, haben sich zwei niños bereits den Teelöffel Backpulver in den Mund geschoben - und spucken diesen schnell wieder aus. Jeder darf Zutaten in die Schüssel füllen, jeder darf rühren - eine echte Gemeinschaftsaktion, die äußerst lautstark durchgeführt wird. Am Ende der Aktion liegen wohlgeformte Kringel auf dem Tisch, die tía Margarita in Öl ausbackt, und Boden, Tische und Stühle sind mit Mehlstaub und Teigresten überzogen. Aber alle sind glücklich - spätestens beim gemeinsamen Verzehr.

Die tías leisten schon eine tolle Arbeit. Dieser Meinung ist auch die Mutter, die wir gestern so verzweifelt angetroffen haben. Sie ist mit ihrem Baby vorbeigekommen, um über mögliche nächste Schritte zu sprechen. Sie sagt, dass die tías den Kindern so gut tun und ist dankbar für die Unterstützung und Förderung, die sie erhalten.

 

23.3.

Heute ist Freitag - erfahrungsgemäß ein Tag, an dem weniger Kinder ins Centro kommen, weil es bereits in der Schule die colación gegeben hat. Wie so häufig beginnt das Programm mit dem Ausmalen von Mandalas. Es bringt die Kinder zur Ruhe und fördert die Konzentration. Während die einen Mandalas Ausmalen, fabrizieren andere Kinder aus Knetgummi wahre Kunstgebilde.

Anschließend gehen wir in eine Baumschule. Der dort angelegte Teich, in dem sich unter Seerosen Fische tummeln, ist für die Kleinen der Renner. Wir dürfen nächste Woche Pflanzen abholen, für die die Kinder Sorge tragen müssen.

Im Centro erwartet uns eine Mutter. Sie hat zwei Kinder, die ins Centro kommen, Joaquín und Carolina. Das Problem der Mutter ist, dass sie den ganzen Tag arbeiten muss und sich daher nicht um die Kinder kümmern kann. Sie hat aber ein Interesse an ihren Kindern. Carolina hat ein Problem, es ist nur nicht herauszufinden welches. Seit geraumer Zeit fängt sie regelmäßig an zu weinen, ohne dass für die tías der Grund ersichtlich wäre. Sie öffnet sich auch nicht im Gespräch. Es bleibt also zu beobachten, wie es mit ihr weitergeht. Eine sehr intensive Woche neigt sich dem Ende zu. Ich bin in der realen Welt angekommen.

Einmal mehr weiß ich zu schätzen, wie gut es mir doch geht.