Volontariat in Graneros: unsere Freundin Christel bei den GranerosKids

 

 

Mitte März ist Christel aufgebrochen, um für 3 Monate in unserem Straßenkinderprojekt in Graneros mitzuarbeiten. Nach einem begeisterten Empfang schildert sie hier in loser Folge ihre Eindrücke.

 

DIE FÜNFTE WOCHE

16.4.

Am Montag steht Großeinkauf in Rancagua für die colación an.

Wir kaufen in einem Geschäft, welches ausschließlich Kekse und Süssigkeiten verkauft, riesige Pakete an Keksen ein. Das wird für ein paar Tage reichen.

 

Im Centro basteln wir mit Luftballons und Wolle. Eine ziemliche Schweinerei, die die tías anschließend beseitigen müssen. Der Klebstoff ist wirklich überall.

17.4.

Der Dienstag ist ein Frusttag für die tías. Erst üben wir ziemlich erfolglos die Kategorisierung von kurzen Sätzen in Substantiv, Adjektiv und Verb. Fast keines der Kinder hört zu, woran man erkennen kann, um was es sich handelt. Lieber wird geraten, die Trefferquote liegt immerhin bei gut 33 Prozent.

Dann sind einige Mädels heute ziemlich weinerlich. Der geringste Anlass reicht aus, um sie in Tränen ausbrechen zu lassen. Weiß der Teufel, was sie zu Hause oder in der Schule erlebt haben, dass Kleinigkeiten sie so aus der Fassung bringen und sie getröstet werden wollen bzw. Nähe suchen. Und schließlich ist eine Gruppe von Jungs derart laut und ungezogen beim Malen mit Wattestäbchen (Ausdauerübung), dass sie von der Aktivität ausgeschlossen werden und sie stattdessen Mathe üben müssen.

Als alle Kinder nach Hause gegangen sind, wird Kriegsrat abgehalten. Was können wir tun, um die Kinder besser zu bändigen? Leider fehlt es an Räumlichkeiten, um die „harten Nüsse“ zu separieren und separat zu beschäftigen. Damit besteht immer die Gefahr, dass sie auch den Rest der Gruppe aufmischen. Künftig wollen wir darauf achten, die Kinder besser zu durchmischen und mehr an einzelnen Tischen zu beschäftigen als die Tische aneinanderzureihen. Einen Versuch ist es wert.

Müde gehen wir nach Hause. Ein Tag wie dieser schlaucht ungemein. Heute weiß ich, warum ich nicht Lehrerin oder Erzieherin geworden bin. Auf Dauer würde mir die Geduld beim Unterrichten fehlen. Hut ab vor allen, deren Profession das ist. Wie gut, dass die fest angestellten tías mehr Ausdauer als ich haben...

18.4.

Heute erreicht uns ein Anruf aus Rancagua. Das Projekt zur musischen und kulturellen Förderung der Kinder wurde genehmigt. Was für eine gute Nachricht! Jetzt kann es an die Ausgestaltung mit den Verantwortlichen gehen.

Im Centro steht heute ein Wissenspiel an. Die Kinder treten in drei Gruppen gegeneinander an und müssen Fragen beantworten. Das Spektakel ist unbeschreiblich laut, egal ob die Frage richtig beantwortet wurde (Hurra-Schreie der Mitstreiter) oder falsch („das war doch so einfach, wie kannst du das nicht wissen“). Die Kinder finden gar kein Ende, die abholenden Mütter müssen heute ganz schön lange auf ihre Kinder warten.

19.4.

Heute ist wieder Backtag. Auf der Agenda steht das Backen von Berlinern. Das Resultat hat nur entfernt etwas mit dem uns bekannten Gebäck zu tun, aber den Kiddies schmeckt es.

Die Nachricht des Tages: Rolando hat seine Brille! Bárbara hat einen Optiker ausfindig gemacht, der die Brille zur Hälfte der bisher veranschlagten Kosten verkauft. Die Hälfte hiervon hatten die Eltern bereits zusammengespart, die andere Hälfte habe ich gesponsert. Hoffentlich fällt Rolando jetzt das Lernen leichter und hoffentlich baut sich auch seine Aggressivität sukzessive ab. Die Gläser haben 13 und 14 Dioptrin! Man kann sich also vorstellen, dass der Junge rein gar nichts hat erkennen können, wenn es ums Lesen oder Rechnen ging.

20.4.

Die Woche im Centro schließt bei wunderschönem Wetter mit Mannschaftsspielen ab. Beim Seilziehen reißt leider das Seil, aber Gott sei Dank geht alles glimpflich ab. Die Qualität der Materialien lässt manchmal zu wünschen übrig, aber es wird alles so lange genutzt, bis es wirklich nicht mehr geht. Es wird wirklich kein Peso verschwendet - oder sagen wir besser: kein Euro, weil die Finanzierung des Centros aus Deutschland erfolgt. Das schöne Wetter lädt dann auch zu Ausflügen am Wochenende ein. 

 

DIE VIERTE WOCHE

9.4.

Ich liege noch im Bett, als auf einmal alles schwankt. Mein erstes Erdbeben in Chile!

Während ich noch überlege, ob das Beben eventuell stärker ist als das vor vielen Jahren in Köln spürbare und ob ich nach draußen laufen soll, ist es auch schon vorbei.

Das Beben entpuppte sich als eines der Stärke 6.2 auf der Richterskala. Das ist dann doch nicht ganz so klein gewesen. Zumindest ist das Beben in aller Munde. Und ich dachte, dass das für chilenische Verhältnisse nicht erwähnenswert sei. Beim nächsten Beben sollte ich vielleicht doch etwas spritziger reagieren.

Als Highlight des heutigen Tages steht im Centro das Basteln mit dem Herbstlaub an. Auch wenn die Tage ab der Mittagszeit aufgrund der vielen und sehr intensiven Sonne immer noch sehr sommerlich sind, ist es in den Nächten und am Morgen mittlerweile recht kalt. Das lässt die Bäume bunt werden und die Blätter rieseln. Also ziehen wir mit den Kindern los und sammeln auf dem Spielplatz, wo sich viele Bäume befinden, Laub ein.

Heute sind sehr viele Haitianer auf dem Spielplatz. Sie sitzen in Gruppen auf den Bänken. Chile hat mittlerweile sehr viele Immigranten, vorwiegend aus Haiti, Bolivien und Kolumbien. Gerne gesehen sind diese nicht, denn im Endeffekt besteht die Gefahr, dass sie den Chilenen die Arbeit wegnehmen, weil sie sich mit noch geringeren Stundenlöhnen begnügen. Mögliche Folgen: noch weniger Arbeit für die Einheimischen, steigende Armut, erhöhter Drogen- und Alkoholkonsum als Ersatzhandlung.

Wenn ich durch die Straßen laufe, sind bestimmt 5-7 Prozent dunkelhäutig und somit aus Haiti. Das ist schon auffällig viel. Die Kinder des Centros haben mit diesen Gedanken nichts am Hut. Viele von ihnen gehen auf die für sie Fremden zu und verwickeln sie in Gespräche. Die Haitianer haben ihren Spass daran. Völkerverständigung kann so einfach sein. Würden sich die Erwachsenen doch auch einmal was davon abgucken.

Zurück im Centro werden mit den Blättern Löwenmähnen, Haarschöpfe, riesige Blumen und vieles mehr fabriziert. Juliana und Alexis wollen unbedingt noch ein paar Farbkleckse einbauen. Also gehe ich mit den beiden auf Blumensuche - und tatsächlich können wir einige wenige Blüten, die aus Nachbars Vorgarten auf den Bürgersteig ranken, stibitzen.

Zum Abschluss des Tages stellt tía Margarita Popcorn her. Als die Maiskörner mit lautem Knall explodieren, ist das ein großes Hallo. Jeweils mit einer Tüte Popcorn ausgestattet machen sich die Kinder auf den Heimweg. 

 

10.4.

Eigentlich wollten sich die tías heute Vormittag nur treffen, um das am Wochenende erhaltene Material zu sichten. Stattdessen mutiert das Treffen spontan zum Austausch von Eindrücken, die die tías in den letzten Wochen gewonnen haben. Thematisiert werden insbesondere die Problemkinder. Ich habe den Eindruck, dass sich alle etwas von der Seele reden müssen.

Zwei tías betreuen Kinder, die trotz mehrerer absolvierter Schuljahre immer noch nicht lesen und schreiben können. Das ist sehr frustrierend sowohl für die Kinder, als auch für die tías. Bei einem Mädchen wird vermutet, dass es sexuell missbraucht wird. Die Schule wurde bereits eingebunden, hat aber nichts unternommen. Dem Centro sind die Hände gebunden. Die alleinerziehende Mutter lässt die tías nicht ins Haus und ist auch außerhalb ihres Zuhauses nicht zu Gesprächen bereit.

Hier stoßen die tías an die Grenzen ihrer Arbeit, aber auch an eigene Grenzen. In diesen Momenten sind die Zweifel groß, wie sinnvoll die Arbeit mit den Kindern tatsächlich ist. Es braucht schon eine gehörige Portion Idealismus, um sich von solchen negativen Erlebnissen nicht ins Bockshorn jagen zu lassen und die Arbeit hinzuwerfen. Aber alle tías sehen auch, dass die Kinder dann wieder ganz alleine dastünden. Dieser Gedanke ist für alle Motivation genug weiterzumachen.

Im Centro arbeite ich heute mit Vincente. Es ist selbst für meinen laienhaften Blick ersichtlich, dass er sehr verstört ist. Er kann niemanden anschauen, spricht kaum hörbar, separiert sich von allen anderen. Außerdem schaukelt er oft mit dem Oberkörper hin und her. Er hat ein großes Problem damit, dass sein kleiner Bruder etwas rechnen und lesen kann, er jedoch nicht. Es ist unglaublich schwierig, ihm in seiner Situation das Addieren von Zahlen beizubringen. Ich lobe ihn bei den kleinsten Erfolgserlebnissen, um sein Selbstvertrauen anzukurbeln. Keine Ahnung, ob ich das richtig mache. Hier wäre ein psychologisch ausgebildeter Mensch richtig am Platz. Aber Vincente muss sich jetzt gerade leider mit mir begnügen.

Immerhin schaffe ich es, dass er, der sich anfangs schnell verdrücken wollte, auf einmal weitere Aufgaben lösen möchte. Gemeinsam addieren wir mit Hilfe der Finger unserer vier Hände Zahlen. Anschließend gehen wir beide mit den Kleinen und tía Margarita spazieren und irgendwann beteiligt sich Vincente sogar am Aufsammeln von den mittlerweile bunt gefärbten Blättern der umliegenden Bäume. Die Blätter wollen wir für weitere Bastelarbeiten verwenden. Wie schön zu sehen, dass er ein paar klitzekleine Schritte in Richtung Gemeinschaft macht. Aber wie traurig nicht zu wissen, was diesem Jungen widerfahren ist bzw. warum er so ist, wie er ist.

 

11.4.

Den Morgen widme ich ganz dem Anmalen von Eisstielen!!! Die Kinder bauen damit Figuren nach. Leider haben wir nur holzfarbene Eisstiele, also werden diese kurzerhand von mir in allen verfügbaren Farben angemalt. Ein sehr meditativer Zeitvertreib ;-) Ich bin jetzt anerkannter Eisstiel-Anmaler!

Die Grossen erstellen in der Zwischenzeit tolle Bilder aus Knetgummi. Vor dem Basteln wird jedoch gelernt. Es ist immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich der Wissensstand der Kinder ist, die in ein und derselben Klasse sind. Vincente übt heute mit tía Vilma das Buchstabieren. Anschliessend auf dem Spielplatz will er zwar nicht mit den anderen spielen, aber immerhin turnt er ein wenig an den Geräten, und ab und zu lächelt er. Vielleicht freut er sich ein wenig, dass er kleine Fortschritte beim Lernen macht. Und beim Basteln mit den Eisstielen bringt er sich ein wie alle anderen auch. Es wäre so toll, wenn er die Kurve bekommen würde...

 

12.4.

Wir sind in der Zeitung! Wie erwartet wurde der Besuch des Senators medienwirksam aufbereitet. Die angekündigten Materialien lassen hingegen immer noch auf sich warten. www.rengoenlanoticia.cl/not/2018/04/12/senador-letelier-busca-apoyo-para-centro-jaques-sevin-de-graneros/

Highlight des heutigen Tages ist das Backen von sopaipillas, in Fett ausgebackener Teig, der aus Mehl, Kürbis, Backpulver und Schmalz besteht. Das Centro sieht anschließend mal wieder aus, als wäre eine Tüte Mehl explodiert. Aber die Freude der Kinder zu sehen ist die Mühe des anschließenden Saubermachens wert.

Vincente hat sich heute an allen gemeinsamen Aktivitäten beteiligt und schien sogar Spass daran zu haben. Es wird! Der Tag schließt mit einem superschönen Sonnenuntergang ab.

 

13.4.

Ein herrlicher Herbsttag! Wir gehen heute mit den Kids spazieren. Ziel ist ein großer Sportplatz, wo sich die Kinder bei Fußball und Mannschaftsspielen austoben können. Die tías feuern kräftig an.

Einige Kinder sind schon früher ins Centro bestellt worden, ihren Läusen soll heute der Garaus gemacht werden (“operación piojos”). Tía Margarita arbeitet mit Läuse-Kamm und Läuse-Shampoo. So werden die Kinder einige Zeit Ruhe haben. Aber der nächste Lausbefall wird nicht lange auf sich warten lassen. Die Hygiene zu Hause lässt zu wünschen übrig. Je kälter es wird, desto weniger kommen die Kinder mit Wasser in Berührung.

Am Vormittag haben Bárbara und ich die Schule San Martín besucht. Dort gehen die Kinder der ärmsten Familien in Graneros in die Schule, in Summe 120 Schüler. Wir treffen die Direktorin Isabel. Sie berichtet über die zahlreichen Lernschwierigkeiten der Schüler und den Einfluss des Familienumfelds auf das Verhalten und das Lernen der Kinder. Auch hier müssen die Lehrer eine große Portion Optimismus und Idealismus mitbringen, wenn sie versuchen, den Kindern etwas beizubringen. Es gibt Kinder, die permanent stören, andere, die nur sehr unregelmäßig kommen.

Isabel berichtet von einem Kind, welches anfangs den Klassenraum nicht betreten wollte. Mittlerweile schafft der Junge es, eine Stunde täglich am Unterricht teilzunehmen, dann muss er raus aus dem Klassenzimmer. Es ist sehr mühsam, solche Kinder Schritt für Schritt an das Lernen heranzuführen. Die enge Abstimmung mit der Schule ermöglicht es dem Centro, an genau diesen Lernschwierigkeiten anzusetzen und die Kinder außerhalb der Schule weiter zu fördern.

 

DIE DRITTE WOCHE

2.4.

Am Wochenende ist die Mutter mit ihren drei Kindern in die Scheune des Centro eingezogen. Heute morgen werden noch einige sperrige Teile mit dem Auto angeliefert. Bárbara und ich helfen beim Entladen.

Im Centro unterstütze ich heute zunächst die Gruppe der Kleinen. Wir nehmen uns ein Sudoku für Kinder vor, welches mit Farben arbeitet. Simon, mit fünf Jahren das jüngste Kind, hat den Dreh am Schnellsten raus.

Zum Ausgleich geht‘s auf den Spielplatz. Wir spielen an den Geräten, schaukeln, turnen, schlagen Rad. Anschließend steht bei mir Rechnen mit den Größeren auf dem Programm. Die tía-Rufe nehmen kein Ende, jedes Kind will Hilfe erhalten. Man könnte sich klonen...

Heute sind 4 neue Kinder aufgetaucht. Damit ist die Kapazität des Centros erschöpft, sowohl räumlich als was die Betreuung anbelangt. Es ist unglaublich, wie intensiv die tías nachgefragt werden. Da muss man schon schauen, dass man allen gerecht werden kann.

Gegen 18:30 h taucht auf einmal ein Politiker im Centro auf. Er ist seit 30 Jahren Senator, besucht das Centro aber zum ersten Mal. Er fragt die Kinder, was die am Nötigsten brauchen. William macht klare Ansagen: es fehlen Stühle, Material zum Schreiben und Basteln und vieles mehr. Es werden Fotos geschossen. Hoffentlich ist es damit nicht getan. Viele Politiker nutzen gerne die Publicity, die sie mit solchen Auftritten erzielen können, lassen es aber anschließend an Taten fehlen. Sind wir mal optimistisch, dass dieses Mal tatsächlich Hilfe geleistet wird.

 

3.4.

Heute morgen habe ich mich lange mit Bárbara unterhalten. Einerseits ist es ein Segen für die Kinder, dass es das Centro und die tías gibt. Andererseits wissen einige Eltern sehr genau, dass es die tías schon richten werden, weil sie den Kindern besonders harte Situationen einfach nicht zumuten wollen. Es ist dann schon sehr frustrierend für die tías, die Passivität oder oft auch Resignation der Eltern zu ertragen. Eine ordentliche Zwickmühle, die für die tías in der täglichen Arbeit sehr belastend sein kann.

Im Centro basteln die Kinder heute mit Eierkartons Tiere. Unglaublich, was einige fabrizieren. Katzen, Wale, Krokodile, Küken.... was man alles mit nur wenigen und vor allem günstigen Materialien machen kann.

 

5.4.

Heute morgen meldet sich doch tatsächlich das Büro des Senators und kündigt an, Material für das Centro liefern zu wollen. Was für eine Überraschung! Er macht sein Versprechen tatsächlich war!

Unterdessen versucht Bárbara weiterhin, einen Sponsor für Rolandos Brille zu finden. Ich will einspringen und die Brille bezahlen, weil ich einfach nicht ertragen kann, dass Rolando, ein intelligentes Kind, keinen Zugang zum Lernen hat, nur weil er nicht richtig sehen kann. Außerdem ist Rolando mittlerweile recht aggressiv in der Schule, rastet häufig aus. Kein Wunder, wenn er nirgendwo mithalten kann, weil seine miserable Sehkraft das nicht erlaubt. Bárbara will aber erst einmal alle anderen Möglichkeiten ausreizen.

 

6.4.

Bárbara und ich haben heute endlich die Vorbesprechung für den Workshop mit den Eltern. Wir nutzen die Gelegenheit, diverse Themen anzusprechen. Rolandos aggressives Verhalten, Victor Hugos asoziales Verhalten, die Misere der Mutter, die in die Scheune des Centro eingezogen ist. Für Rolando springt die Möglichkeit der Teilnahme an einem speziellen Programm heraus, für Victor Hugo will man versuchen, eine Pflegefamilie zu finden (das Wohnen bei der völlig überforderten Großmutter ist auf Dauer keine Lösung) und die Mutter erhält weitere Förderung, wenn sie die Gespräche mit dem Psychologen fortsetzt.

Am Nachmittag geht es mit den Kindern ins Zentrum der Stadt. Also alle Mann ins Auto und ab geht’s... Im Zentrum gibt es einen großen Platz mit zahlreichen Spielmöglichkeiten. Der Renner aber ist eine Kutsche, die dort steht und uns gratis eine Runde mitfahren lässt. Das Balgen um die erste Fahrt ist groß, aber im Endeffekt haben alle die Möglichkeit, eine Runde zu drehen. Die Kinder auf dem weitläufigen Platz einigermaßen zusammenzuhalten ist schlimmer, als einen Sack Flöhe zu hüten. Manche sind statt mit Bárbaras Auto mit dem Fahrrad gekommen. Und weg sind sie...

 

7.4.

Luisa, eine Freundin von Bárbara, ist Lehrerin. Ihre Schule veranstaltet am heutigen Samstag ein Schulfest. Es wird getanzt, wie es halt nur die Latinos können. Im Vorfeld hat Luisa um Sachspenden für die Graneroskids-Kids gebeten. Und auf einmal finden Bárbara und ich uns auf der Bühne wieder und nehmen drei riesige Kisten gefüllt mit Stiften, Blocks, Bastelmaterialien und vielem mehr in Empfang.

Bárbara hält eine kurze Rede (vorbereitet hatte sie darauf keiner) und ich beschränke mich aufgrund der nicht ausgereiften Sprachkenntnisse aufs Küsschen geben und Bedanken. Was hier an Material zusammen gekommen ist wird den Kindern im Centro einige Monate über die Runden helfen. Toll, dass Luisa so kräftig Reklame für das Centro gemacht hat.

 

DIE ZWEITE WOCHE

26.3.

Am Wochenende wurde der Bürgermeister von Graneros abgesetzt! Angeblich hat er Gelder nicht dorthin fließen lassen, wo sie landen sollten. Für das Centro bedeutet dies, dass die Lobbyarbeit in der letzten Woche umsonst war. Und bis wir Zugang zum neuen Alcalde haben werden dürfte es etwas dauern.

Mit den Kindern aus Bárbaras Gruppe üben wir heute Multiplikationen. Einige verstehen sofort, dass 2+2+2 das Gleiche ist wie 3x2 oder 2x3. Für andere bleibt dies weiterhin ein Mysterium und sie können das Prinzip nicht auf andere Zahlenreihen übertragen.

Mir fällt Rolando auf, der sich beim Rechnen auf das Raten der Ergebnisse spezialisiert hat. Er hängt mit dem Gesicht ganz nah über seinen Rechenaufgaben. Ich habe das Gefühl, dass er sehr schlecht sehen kann. Vielleicht ist er deswegen so schlecht im Lesen, Schreiben und Rechnen. Bárbara bestätigt dies. Mal sehen, was sich hier machen lässt.

Nach dem Rechnen geht es raus auf den Spielplatz, wo sich alle ihre Beschäftigung suchen. Noch ist tolles Wetter, so dass alle Aktivitäten, die draußen stattfinden, Spaß machen.

 

27.3.

Wir besuchen am Morgen ein Familienzentrum, weil ein Workshop mit den Eltern der Kinder organisiert werden soll. Mitarbeiter dieser Institution aber auch Psychologen sollen daran teilnehmen. Es wird ein Vorabtreffen der Organisatoren für den kommenden Dienstag festgelegt.

Im Centro setzen wir mit den Großen die Rechenaufgaben des gestrigen Tages fort, während die Kleinen Malen. Blanca, die gestern richtige Erfolgserlebnisse hatte, muss heute wieder auf die Multiplikationstabellen zurückgreifen. Seltsam, warum ist sie heute so unkonzentriert und kann ihre Fähigkeiten nicht einsetzen?

Allen ist schwer zu vermitteln, dass eine Multiplikation mit Null immer Null ist. Und auch eine Multiplikation mit eins ist schwer greifbar für die Kinder. Mal sehen, was die Tabellen so sagen... Die Übungen, die im Centro mit den Kindern durchgeführt werden, stammen aus Materialien, die das in der Schule Gelernte vertiefen. So stellen Sie eine sinnvolle Ergänzung dar.

Nach den Pflichten wird gebastelt. Ostern steht vor der Tür! Jedes Kind bastelt ein Osterkörbchen. Ich helfe Marie Isabel dabei. Sie ist geistig behindert und braucht ein wenig Hilfe, freut sich aber riesig, als ihr Körbchen fertig vor ihr steht.

Tía Vilma flickt in der Zwischenzeit den zerrissenen Rock von Carlita. Auch das gehört zur Arbeit der Tías.

 

28.3.

Nach den Rechenaufgaben bekommen die Kinder heute eine Einweisung zum Maler Vincent van Gogh und seinen Gemälden. Sie können sich diese auf dem Laptop, den Bárbara mitgebracht hat, genauer ansehen. Anschließend bekommen sie schwarz-weiß Kopien der Gemälde und dürfen sich nun selbst als Maler betätigen.Das Gemälde von Rolando geht in Richtung Popart. Toll, wie kreativ die Kinder sind.

William ist heute sehr deprimiert. Sein Kopf liegt auf seinen verschränkten Händen auf dem Tisch. So bleibt er unbeweglich liegen. Wir können ihm nicht entlocken, was ihm fehlt oder was ihm widerfahren ist, und ihn auch nicht motivieren, ebenfalls zu malen. Wir lassen ihn irgendwann in Ruhe, so dass er seine Traurigkeit ausleben kann.

Während die Kinder malen entlaust Bárbara den Schopf von Juliana. Auch das ist der Alltag der tías. Zu Hause kümmert sich niemand darum. Mal sehen, ob die Läuse auch meinen Kopf befallen. Bei der körperlichen Nähe zu den Kindern ist das fast nicht zu vermeiden.

Unterdessen darf ich mich als Näherin betätigen. Juliana hat sich den Saum ihres Schulrocks aufgerissen. Als Dankeschön gibt‘s ein Küsschen (haben die Läuse schon den Wirt gewechselt??).

Die tías haben beschlossen, der Mutter, die in der mit Ratten verseuchten Wohnung wohnt, die dem Centro angegliederte Scheune zu überlassen. Dies ist allerdings mit Auflagen verbunden. So dürfen die Kinder des Centros keinesfalls gestört werden. Mal sehen, ob das funktionieren wird. Die Frau fängt noch am Abend an, die Scheune sauber zu machen.

 

29.3.

Ostern steht vor der Tür! Heute gibt es erst eine Fragestunde zu Ostern und dessen Bedeutung. Viele Kinder beteiligen sich an der Diskussion und geben ihr Wissen preis. Dann schauen wir uns einen Zeichentrickfilm über die Semana Santa, die Woche vor Ostern, an.

Alle sind ganz bei der Sache und schauen sich den Film gern an - alle bis auf Victor Hugo. Wie meistens distanziert er sich von allen anderen. Die tías lassen das nicht zu. Immer wieder versuchen sie, ihn zu integrieren - oft ohne Erfolg. Dass Victor Hugo zurzeit keine Schule besucht, ist nicht gerade förderlich für sein Sozialverhalten.

Anschließend geht es in einen Gemüsegarten, der der Baumschule gehört, die wir letzte Woche besucht haben. Wir werden schon erwartet. An einem Tisch zeigt ein Mitarbeiter der Baumschule, welche Pflanzen aus welchen Samen wachsen. Das Erstaunen ist groß. Dann dürfen die Kinder selbst zur Tat schreiten. Sie basteln mit Hilfe von Papier ein Gefäß, in welches sie Erde einfüllen und Samen einsetzen. Schnell wird das Ganze noch bewässert, und das Ergebnis dürfen die Kinder mit nach Hause nehmen und pflegen.

Den Kindern bereitet es großen Spaß, mit der Erde und dem Wasser herumzumatschen. Schließlich dürfen die Kinder im Gemüsegarten noch Gemüse ernten. Jedes Kind darf eine Gemüsetüte füllen. Alle sind ganz aufgeregt.

Wieder zurück im Centro hat der Osterhase die Osterkörbchen mit Schoko-Eiern gefüllt. Was für ein ereignisreicher Tag. So geht jedes Kind zufrieden ins Oster-Wochenende.

 

DIE ERSTE WOCHE

19.3.

Die Fahrt von Santiago nach Graneros verläuft völlig unproblematisch. Erst im colectivo bis zur Metrostation Bellavista de las Floridas, dann im Pullmann Florida Bus nach Graneros, Fahrzeit ca. 60 Minuten. An der Haltestelle, die direkt an der carretera liegt, wartet Bárbara bereits auf mich. Wir fahren zu ihr nach Hause. Ich beziehe dort mein gemütliches Zimmer.

Dann geht‘s ins Centro. Die Kinder haben mir einen herzlichen Empfang bereitet. Sie sind total anhänglich, drücken und küssen mich, fragen mich Löcher in den Bauch. Unglaublich, wie die sich über ein wenig Schokolade gefreut haben. Als hätte man ihnen ein i-phone geschenkt...ich dosiere die mitgenommenen Leckerlis und Geschenke, damit die Begeisterung auch in den nächsten Tagen anhält.

 

20.3.

Die Sprache ist schon eine Herausforderung. Von allen Latinos sprechen die Chilenen am schlechtesten. Das sagen sie selbst. Als wäre die Sprache nicht schon an sich genug Herausforderung... nochmal eine weitere Hausnummer sind die Kinder. Kinder zu verstehen ist manchmal ja auch im Deutschen nicht einfach. Dann der unglaubliche Lärm, den sie machen und die oft recht lautstarken Stimmen der Erzieherinnen (was auch erforderlich ist).

Heute waren wir mit den Kindern auf einem Spielfeld in der Nähe und haben Mannschaftsspiele durchgeführt. Zwei Mannschaften sind gegeneinander angetreten. War das ein Spaß für alle! Sie mochten gar nicht mehr aufhören. Die Kinder suchen regelmäßig Nähe. Sie kommen sogar während des Spiels vom Spielfeld, drücken mich, und laufen wieder aufs Feld um weiterzuspielen. Beim Lernen bin ich von den Kindern schon kräftig mit eingebunden und um Hilfe gebeten worden. Mein Einsatz ist aufgrund der Sprachkenntnisse limitiert, aber wo es geht freue ich mich helfen zu können. Eine Gruppe hat heute eine kleine Geschichte einstudiert und anschließend präsentiert. Sie haben sich sehr über den Applaus gefreut.

 

21.3.

Heute fahre ich mit Bárbara nach Rancagua, der Provinzhauptstadt. Sie will dort bei der Provinzverwaltung für ein Projekt vorsprechen, welches die musikalische Erziehung der Kinder fördert. Leider scheitert das Anliegen an einigen Formalitäten. Bürokratie also auch in Chile.

Anschließend fahren wir die alleinstehende Mutter von 2 Geschwistern, die ins Centro kommen, besuchen. Der Mann hat seine Frau windelweich geschlagen, sie hat ihn daraufhin verlassen und wohnt jetzt in einem Loch, anders kann man es leider nicht bezeichnen. Nachts kommen die Ratten und haben schon das Baby angefressen. Die Tapeten fallen von den Wänden, weil es hereinregnet, der Vermieter hat sich herausgenommen, eines der Zimmer an Bolivianer unterzuvermieten, ohne dies vorher mit der Frau abzusprechen. Sie hat fürchterlich geweint und war extrem verzweifelt, insbesondere, da man auch noch in ihre Unterkunft eingebrochen war. Es ist ihr fast nichts geblieben.

Dieser Besuch ging mir extrem nahe und ich habe mich sehr hilflos gefühlt. Unglaublich, mit welcher Perspektivlosigkeit manche Menschen leben müssen. Das zeigt sich natürlich auch an den Kindern. Gestern wurde in einer Gruppe gefragt, was die Kinder mal erreichen möchten, Beruf, eigenes Zuhause oder sonstiges. Die Fragestellung war: was ist dein Traum? 2 von 4 Kindern hatten keinen... sie können sich wohl nicht vorstellen, dass das Elend ein Ende haben könnte. Warum also träumen?

Im Centro gab es am Nachmittag Besuch von zwei Märchenerzählern, die das Märchen auch schauspielerisch umgesetzt haben. Die Kinder haben aufmerksam zugehört und hatten ihren Spaß, aber auch die tías hat es sehr erfreut. Diese Aufführung hat ein wenig von der Traurigkeit des heutigen Morgens genommen. Aber das Beste: Bárbara hat mit Hilfe ihres großen Netzwerks zwei Optionen aufgetan, um der Frau ein neues Zuhause zu verschaffen. So nimmt der Tag endgültig eine gute Wende.

 

22.3.

Im Centro steht heute Kochen auf dem Programm. Also werden alle notwendigen Kochutensilien und Lebensmittel eingepackt.

Im Centro angekommen stellen wir fest, dass gerade einige Spenden abgeliefert wurden. Einige Frauen sammeln regelmäßig für das Centro. Heute gab es einige Materialien wie z. B. Malstifte, Blocks und vieles mehr, aber auch Süßigkeiten. Zwei Kinder stecken mir jeweils ein Gummibärchen zu - ich bin total gerührt, dass sie ihren gerade erhaltenen Schatz mit mir teilen, obwohl sie sicherlich nicht oft Süßigkeiten erhalten.

Ich geselle mich zu den Kindern, die gerade Hausaufgaben machen und versuche, zwei Mädels das Multiplizieren von größeren Zahlen beizubringen. Am Ende habe ich das Gefühl, dass sie das Prinzip tatsächlich durchschaut haben.

Und dann geht es endlich ans Kochen! Die Kinder werden in 3 Gruppen eingeteilt. Auf jedem Gruppen-Tisch stehen Margarine, Zucker, ein Ei, Mehl, Backpulver. Bevor die tías ansagen können, was gemacht werden soll, haben sich zwei niños bereits den Teelöffel Backpulver in den Mund geschoben - und spucken diesen schnell wieder aus. Jeder darf Zutaten in die Schüssel füllen, jeder darf rühren - eine echte Gemeinschaftsaktion, die äußerst lautstark durchgeführt wird. Am Ende der Aktion liegen wohlgeformte Kringel auf dem Tisch, die tía Margarita in Öl ausbackt, und Boden, Tische und Stühle sind mit Mehlstaub und Teigresten überzogen. Aber alle sind glücklich - spätestens beim gemeinsamen Verzehr.

Die tías leisten schon eine tolle Arbeit. Dieser Meinung ist auch die Mutter, die wir gestern so verzweifelt angetroffen haben. Sie ist mit ihrem Baby vorbeigekommen, um über mögliche nächste Schritte zu sprechen. Sie sagt, dass die tías den Kindern so gut tun und ist dankbar für die Unterstützung und Förderung, die sie erhalten.

 

23.3.

Heute ist Freitag - erfahrungsgemäß ein Tag, an dem weniger Kinder ins Centro kommen, weil es bereits in der Schule die colación gegeben hat. Wie so häufig beginnt das Programm mit dem Ausmalen von Mandalas. Es bringt die Kinder zur Ruhe und fördert die Konzentration. Während die einen Mandalas Ausmalen, fabrizieren andere Kinder aus Knetgummi wahre Kunstgebilde.

Anschließend gehen wir in eine Baumschule. Der dort angelegte Teich, in dem sich unter Seerosen Fische tummeln, ist für die Kleinen der Renner. Wir dürfen nächste Woche Pflanzen abholen, für die die Kinder Sorge tragen müssen.

Im Centro erwartet uns eine Mutter. Sie hat zwei Kinder, die ins Centro kommen, Joaquín und Carolina. Das Problem der Mutter ist, dass sie den ganzen Tag arbeiten muss und sich daher nicht um die Kinder kümmern kann. Sie hat aber ein Interesse an ihren Kindern. Carolina hat ein Problem, es ist nur nicht herauszufinden welches. Seit geraumer Zeit fängt sie regelmäßig an zu weinen, ohne dass für die tías der Grund ersichtlich wäre. Sie öffnet sich auch nicht im Gespräch. Es bleibt also zu beobachten, wie es mit ihr weitergeht. Eine sehr intensive Woche neigt sich dem Ende zu. Ich bin in der realen Welt angekommen.

Einmal mehr weiß ich zu schätzen, wie gut es mir doch geht.