Durch die Schulschließungen kommt die Betreuung der Schulkinder ins Stocken: wir müssen unsere Arbeitsschwerpunkte ändern.

Das Highlight gleich vorneweg: wir haben zu Weihnachten 2022 endlich wieder ein Krippenspiel vor Publikum aufgeführt! Nach 2 Jahren corona-bedingter Einschränkungen ist die Vorbereitung und die Aufführung der Weihnachtsgeschichte für Familien und Freunde ein wichtiger Moment in unserer Arbeit mit den Kindern.

Unsere Freundin Viviana Barrios von Ingeproc hat uns auch in diesem Jahr zusätzlich unterstützt und Geschenke vom Weihnachtsmann für jedes Kind organisiert. Für uns Betreuer war diese Arbeit auch deshalb so wertvoll, weil sie die Kinder und uns als Gruppe nach einem komplizierten Jahr wieder zusammengebracht hat. 

Doch beginnen wir mit dem Schuljahresbeginn im März 2022. Das Jahr begann mit ähnlichen Einschränkungen wie im Vorjahr: das sonst übliche Sommerzeltlager im Januar ist erneut ausgefallen, die staatlichen Beschränkungen und Hygienemaßnahmen haben die Gruppenstärke im Centro auf acht Kinder begrenzt, viele Aktivitäten finden draußen statt. Wie schon im Vorjahr haben wir im Team schnell entschieden, dass Mädchen bevorzugt aufgenommen werden: sie sind am stärksten betroffen von der Pandemie, weil sie zuhause in vielen Fällen die Versorgung übernehmen, sich um die jüngeren Geschwister kümmern müssen oder auch häusliche Gewalt und sexuelle Übergriffe erleiden. Den anderen Kindern haben wir in Hausbesuchen den Nachmittagsimbiss und einige Aufgaben nach Hause gebracht.

Mit der Lockerung der Gesundheitsvorschriften zur Jahresmitte konnten wir dann endlich wieder mehr Kinder im Centro betreuen. Die Pandemie hat das Lernen der Kinder stark beeinträchtigt; sie sind zwei unendlich lange Jahre lang nicht regelmäßig zur Schule gegangen und haben vieles verlernt. Auch die Lernroutine und die Konzentrationsfähigkeit fehlen, so dass eine enorme Heraus­forderung für uns darin besteht, Lernverhalten zu üben und Lernstoff aufzuholen. Es ist sehr traurig zu sehen, dass einige Kinder zwischen 7 und 9 Jahren immer noch nicht lesen können. Hier wollen wir im Jahr 2023 durch zusätzliche Betreuung einen Schwerpunkt setzen.

Wir tun alles, was wir können, um den Kindern die Neugier und die Freude am Lernen wieder zu vermitteln. In einigen Fällen sehen wir erste Erfolge, aber es ist noch ein weiter Weg bis zum Stand von vor der Pandemie. Zudem führen die massiven Preiserhöhungen (die Inflationsrate lag zuletzt bei 13%!) dazu, dass die Familien sich noch weniger leisten können. Die Bedeutung der Mahlzeiten, die die Kinder im Centro erhalten, wird damit noch größer, damit sie nicht hungrig ins Bett gehen müssen.

Ein kritischer Moment war die massive Ankunft von bolivianischen Einwanderkindern, deren Eltern in Graneros Arbeit in der Landwirtschaft gefunden haben. Diese Familien, die aus Verhältnissen extremer Armut in Bolivien den Weg nach Chile gewagt haben, leben heute in Graneros unter unhaltbaren hygienischen Bedingungen. Jeden Tag kommen bolivianische Mütter mit ihren Kindern ins Centro und bitten uns, die Kinder aufzunehmen. 

Wir sehen erneut, dass das soziale Umfeld den Kindern jede Chance im Leben rauben kann und versuchen deshalb, sie so gut wie möglich zu integrieren und zu betreuen. Das bedeutet aber auch eine Verlangsamung des Lernfortschritts in der Gruppe, so dass wir überlegen, die Gruppen zu trennen, um homogene Lerncluster zu schaffen.

Von April bis Juni haben wir im Rahmen der Kunsttherapie mehrere sehr schöne Workshops veranstaltet, in denen die Kinder Traum­fänger gebastelt haben. Organisiert und geleitet wurde er von Javiera Montanares, die als Kind selbst mit ihrem Bruder Felipe im Centro betreut wurde. Sie studiert inzwischen Anthropologie und hat sich damit bei uns bedankt.

Sehr viel Positives gibt es von den älteren Kindern / Teenagern zu berichten! Die Einstellung eines Mathematiklehrers hat zu sehr guten schulischen Ergebnissen der Jugendlichen geführt, vier von ihnen waren sogar die Besten in ihren Klassen! Uns freut das sehr, weil wir ein kleines Zwischenziel, die schulische Exzellenz, durch zusätzliche und bessere Betreuung hier erreicht haben. Das wiederum war nur möglich durch die vielen großzügigen Spenden aus Deutschland! 

Für mich schließt das Jahr mit einem starken emotionalen Moment. Bei der Vorbereitung des Krippenspieles haben wir Kostüme für die Kinder ausgesucht und verteilt. Dabei stellten wir erneut die Auswirkungen der Armut fest: Unterernährung, mangelnde Körperhygiene, Kinder, die nicht einmal Unterwäsche tragen. Aber trotz allem sind diese Kinder so glücklich, dass sie ihr eigenes Kostüm auswählen und tragen dürfen. Es sind glückliche und lachende Kinder, die sich im Hier und Jetzt freuen, Teil des Centros zu sein, dort geliebt und respektiert werden, und die nicht allein sind. Dank der für uns immer noch unglaublichen Spendenbereitschaft aus Deutschland haben wir die Möglichkeit, das Leben der Kinder zu verändern, zu verbessern, so wie wir es seit 20 Jahren bei vielen vielen Kindern gemacht haben. Eure Großzügigkeit und Euer Respekt diesen Kindern gegenüber machen die Welt ein Stückchen besser. Dafür danke ich allen Spendern im Namen unseres Teams von ganzem Herzen. 

Auch in 2023 setzen wir dank dieser enormen Unterstützung unsere Arbeit fort: so wird neben den geschilderten Herausforderungen die Begleitung der Jugendlichen und ihre Vorbereitung auf den nächsten Lebens- und Lernabschnitt für uns im Fokus stehen.

Herzliche Grüße aus Chile,

Bárbara Corvalán
Graneros (Chile), Dezember 2022